Home
sully_loire_a

Camille Corot; Le château de la duchesse de Berry / Sullys Ruhesitz / © RMN-Grand Palais / René-Gabriel Ojéda

Ein Beitrag von R***

H. Mann wird wohl gewusst haben, dass der Große Plan eine nachträgliche Erfindung in Sullys Memoiren ist. Zu seinen Lebzeiten ist Henri IV nie darauf eingegangen (Durant 165).
Immerhin ist Sullys Großer Plan ein bemerkenswertes Dokument, eine frühe Europa-Konzeption. In ihr wird eine „christliche Republik“ bzw. Föderation aus 15 autonomen Staaten vorgeschlagen, die miteinander zollfreien Handel treiben und ihre Außenpolitik einem „Bundesrat“ unterstellen, der mit höchster militärischer Gewalt ausgerüstet ist (ebd.). Man denkt sofort an die EU-Kommission und den EU-Binnenmarkt und – leider – auch an die beginnende Militarisierung der EU.

grand_desseign

„Sully’s Grand Design. Source: Bernard Barbiche, In: Historia n°652, April 2001“
Bildquelle: henri4.culture

luebecker_ratsherr

Lübecker Ratsherr
Alexander Lüneburg, Bürgermeister 1599
Bildquelle: wikimedia commons

Heinrich Mann lässt Henri IV den Großen Plan anlässlich des Empfangs der Lübecker Kaufleute (eine der ganz wenigen frei erfundenen Episoden des Romans) entwickeln (Vollendung 817 ff). Ein Plan für die Herrschaft des Rechts. Hugo Grotius ist tatsächlich von Henri IV empfangen worden. Ein Friedensprojekt, wenngleich ein militärisch erzwungenes! „Dies alles ist zuerst bestimmt, den Angreifer abzuschrecken, und soll den Frieden erzwingen..“ (817).

Mit Sully schwärmt Mann von einem Gegenreich zum Heiligen Römischen Reich, zur universalen Monarchie der Habsburger. Henri IV wird als „Retter“ (823), ja „König“ (855) Europas tituliert. Und hier ist sich H. Mann, der überzeugte Europäer, so sicher, dass er alle Montaigne’sche Skepsis abwirft. Langfristig wird der Bund freier Völker siegen: „Was weiß ich, gilt hier nicht. Dies wissen wir.“

regionen_religionen

The Catholic/Protestant split in Europe in the late 16th century. Based on Alain Houot
Bildquelle: henri4.culture

Was Henri IV wohl in Wirklichkeit plante, war, den „eisernen Ring“ der Habsburger zu durchbrechen, sei es, um Frankreich wenigstens bis zu seinen natürlichen Grenzen auszudehnen, sei es, um die Habsburger überhaupt zu vernichten. Doch Henri IV geht vorsichtig vor und wartet ab. Nach der Pulververschwörung (1605) gegen König Jakob wächst der Druck auf Henri IV, gegen die Kaiserlichen loszuschlagen. Nach H. Mann ist es eine „regelmäßige Mehrheit“ (was ist gemeint?) des Volkes, die den König drängt, „an die Grenze“ zu marschieren (794): „An die Grenze, um den Staat zu verteidigen, wie du ihn gemacht hast.“ Aber: „Losgehen, sogleich, aus Anlass des frechen Anschlages, der für die meisten Seelen die erste Erleuchtung war, das wollte Henri nicht“ (794). Lieber fährt er zunächst noch fort, bei den Völkern für seine Sache zu werben.

heinrich_portrait

Bildquelle unbekannt

H. Mann hätte es wohl richtiger gefunden, wenn Henri gleich losgeschlagen hätte. Der Roman erscheint 1938, ein Jahr vor dem deutschen Überfall auf Polen, dem Beginn des 2. Weltkrieges. Habsburg, dieses „Reich der Finsternis“ (828), hegt wie Hitler „böse Träume“. Ein vorbeugender Krieg gegen Hitler-Deutschland könnte viel Elend ersparen. „Verpaß den Punkt nicht! Bleib in Bewegung! Jetzt oder nie, zieh in deinen Krieg, sonst ist er schon verloren“ (823). In seiner Ansprache aus den Wolken sagt Henri: „Ich habe zu lange gewartet. Die Revolutionen kommen nie zur rechten Zeit: deshalb muss man sie zu Ende führen, und zwar gewaltsam“ (944).

1609, anlässlich des – an sich geringfügigen – Thronnachfolgeproblems von Cleve und Jülich muss es dann plötzlich ganz schnell gehen. Henri mischt sich massiv ein, rüstet zum Krieg. Dieser Krieg ist in Frankreich unpopulär, schreibt J. Burckhardt („Richelieu“): Henri IV handele hier „dem Willen seines Volkes entgegen“ (29). Burckhardt spricht von einem „vermessenen, ja wohl aussichtslosen Feldzug“ (30).

H. Mann führt die Unpopularität auf die Kanzelprediger und Ecksteinredner zurück, die im Auftrage des Hofes und der Spanier gegen den König agitieren. Dagegen führt er eine tiefere Popularität des Königs beim Volk an: „Die gewöhnlichen Leute, Arbeiter und wer alles auf den Strassen lebte, hatte eine geheime Verbindung nach dem König“ (824) Der König soll im Auftrage dieses Volkes handeln – gegen „alle Feinde der Völker“ (794). „Eine eigene, tiefe Weisheit muss die Völker leiten, wenn sie weiter an ihn glauben, besonders das seine“ (856)

H. Mann gibt freilich auch zu, dass sich die „gewöhnlichen Leute“ ihrer „geheimen Verbindung nach dem König“ nicht „in jeder Stunde bewusst“ sind: „Der Redner auf dem Eckstein konnte durchaus ihren Beifall genießen“ (824).

Bei den Durants (163) heisst es: „Er war (…) der geliebteste, freilich noch nicht der populärste [der französischen Könige]. Die Hälfte seiner Untertanen akzeptierte ihn nur widerwillig.“

Advertisements

Ein Kommentar zu “Zum großen Plan

  1. Anmerkung:
    – Die „Kulturgeschichte der Menschheit“ – hier der Band „Reformation“ von Will und Ariel Durant – ist nicht mehr (oder noch nicht wieder), in Druck, kann aber antiquarisch bezogen werden. Mich macht der Band auch neugierig, aber ich hadere noch, weil so viel schon zu Lesen da ist, beispielsweise Leopold Rankes Geschichte Frankreichs (auch nicht lieferbar, hab’s aber nebenan in der Bücherhalle gefunden, in schöner roten Leinenausgabe). Dann steht zu Hause noch die Propyläen Weltgeschichte, in der ich auch zuweilen lese, die mir aber reichlich altväterlich reaktionär erscheint. Allerdings hat sie wunderbare Faksimile. Und natürlich Schiller; da wollte ich noch etwas mehr über den Abfall der Niederlande lesen … Danke für das eingeschobene „leider“, ein Zeichen gleicher Gesinnung, das den Mut stärkt. Übrigens ist der Jesuitenstaat in Paraguay ein treffliches Exampel, wie es – leider – auch nicht reicht, ein friedfertiges Regiment zu errichten, wenn die Nachbarn es neiden. -„Die Revolutionen kommen nie zur rechten Zeit: deshalb muss man sie zu Ende führen, und zwar gewaltsam“ – dieses Zitat aus der Allocution mag auf dem Hintergrund einer drohenden Tyranei gelesen werden, und es ist wahr: um eine Wehr die wehrhaft ist kommt man wohl kaum herum, aber besser ist Vorzubeugen mit kluger und ehrlicher Politik.

    – Lübecker Ratsherren
    Mir gefiel der Abschnitt (Worte an Fremde) bei Heinrich Mann sehr, der Kontrast der Delegationen – erst die Schweizer, dann die Lübecker (S. 811 ff.), und unter ihnen Ratsherr West. „Ratsherr West, warum weinten Sie?“ Hans Mayer kommentiert die Stelle kurz in seinem Nachwort, meine ich, finde aber die Stelle nicht so schnell.
    In der Szene verbindet sich Staatsraison mit Gefühl. Es gilt nicht nur, klug einen Staat zu gestalten, die zugrundeliegende Idee friedlicher Koexistenz muß auch möglichst gut kommuniziert werden.

    – Spanien, die katholische Kirche, Habsburg – das steht für ein äußerst komplexes, trotz sich zeigender Zeichen des Zerfalls immer noch potentielles Gegenfeld, und wir wissen, daß nach dem Tod 1610 von Henri IV der Dreißigjährige Krieg hereinbrach, 1618, mit allem Grauen. Daraus gingen hervor der Frieden von Münster und Osnabrück, der die Idee einer friedlichen Föderation von gleichberechtigten Staaten in Verträge kleidete und der Frieden von Augsburg, der Religion als Kriegsgrund ausschließen sollte und pragmatisch religöse Gesinnung und Einfluß ordnete.

    Heinrich Mann erinnert uns mit seinem großen historischen Roman daran, die Grundlagen menschlichen Miteinanders zu achten und zu verinnerlichen, damit kein Tyrann, kein Despot und auch keine mörderische Menschenmeute aus unserer Mitte hervorgehen kann und damit wir nicht müde werden, Wege zu suchen, ohne Waffen Verhältnisse zum Nachbarn zu regeln. Bleiben wir wachsam.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s