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Tieferschürfende Fundstücke
Erstaunlich Vieles an Schriftstücken ist inzwischen ins Internet geladen und kann dort unter Stichworten gefunden werden. Natürlich ist es in dieser Form mit Vorsicht aufzunehmen. Wo immer möglich, gebe ich darum gedruckte Quellen an. Gut ist solch ein Streifzug immerhin, um Pfade aufzuweisen.

Bildquelle Karikatur: British Printed Images / Arts and Humanities Research Council

Heinrich Mann und die Jesuiten

Ulrich Weisstein hatte ich schon zitiert (Guy Fawkes und die Jesuiten). Er wurde 1925 in Breslau geboren, studierte, laut eines Nachrufs von Claus Clüwer, zunächst in Frankfurt a. M., zog dann aber schon 1950 über den großen Teich, zunächst nach Iowa, schließlich zur Indiana University Bloomington, wo er vergleichende Literaturwissenschaft lehrte. 1962 schrieb er „Heinrich Mann – Eine historisch-kritische Einführung in sein dichterisches Werk“. (Das Buch ist verlegt bei de Gruyter und wohl eher in der Bibliothek zur Ausleihe genommen; Ich bestelle es aber auch gerne zum Preis von 109,95 €). Sein Zitat von Seite 163 ging noch weiter:

»Mit gleicher Strenge verurteilt Heinrich Mann auch den Fanatismus Jeanne d’Albrets und Philippe de Mornays […]«

Fanatiker vermutet Heinrich Mann demnach unter den Jesuiten. Ich mag die Entrüstung und den Eifer, der in Weissteins eigenem Urteil hervorblitzt („[Heinrich Manns] Haß … kennt keine Grenzen“, usw.). Ist es Haß? Ist es Verachtung? Ist es heimliche Furcht vor Unerklärbarem, Fremden? Was entzweit Frankreich zu Henris Zeiten? Geht der Spalt zwischen katholischem und protestantischen Lager? Geht er zwischen Herrscherhaus und Bevölkerung? Geht er zwischen weltlicher und kirchlicher Macht?

Carina de Jonge zitiert Hermann Kesten, der 1953 über Heinrich Mann sagt:

„Seine Jesuiten sind Gespenster hinter Thronstühlen“

varenne

Henri IV, die königliche Familie und Fouquet of Varenne (unten links)
Musée de l’auditoire, Sainte-Suzanne

 – womit sie sich in die Gallerie der Bösen reihen, die im Henri Quatre „im einfältigen, naiven Stil des Volksmärchens“ gemalt werden. (Geschichten der Geschichtslosigkeit – Zur diskontinuierlichen Geschichtsauffassung in den historischen Romanen Hermann Kestens / Dissertation, 2009, Utz Verlag, 37,00 €). Mich hat die Szene in „Die Jugend des Königs“ auch sehr beeindruckt, doch liest man in den Kapiteln nach dem abermaligen Übertritt zum katholischen Glauben („Die Abkehr“ – auch genannt: der Todessprung), als La Varenne – Henris enger Vertrauter aus Zeiten der Schlachten, unter anderem bei Angoulême und bei Ivry – ihm die Jesuitenpater Ignatius und Coton zur Seite ruft, zeigt sich doch ein differenzierteres Bild auch hier, auf der „bösen Seite“. Pater Ignatius, der auch als Widergänger eines früheren gescheiterten Attentäters beschrieben wird („Dieselbe äußere Form wurde bei dem Jesuiten vom Feuer des Geistes durchdrungen, das ändert viel. Dennoch …“ /S. 748), führt ein doppelbödiges Gespräch voller falscher Huldigungen und unverholener Drohungen und verkörpert den wendigen Vetreter eines machtschmiedenden Orden.

Wilfried Barner, 1937 in Kleve am Niederrhein geboren, habilitierte 1967/68 mit seiner Arbeit: „Barockrhetorik: Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen“. Darin schrieb er über die Machtstellung der Jesuiten am Hof (S. 367):

„[Sie konnte] nur dann erobert und behauptet werden, wenn sich die Vertreter des Ordens mit dem Hof und seinen Ansprüchen einließen. Das elitäre Bewußtsein, das den Jesuiten ohnehin – zunächst für den Bereich der Kirche* – eigen war, kam diesen Prozeß der Höfisierung sehr entgegen. Er schuf eine Plattform, die den geistlichen Adel mehr und mehr zur Höhe des weltlichen Adels hinaufhob. Konsequenz dieser Entwicklung war der Jesuit in der Rolle des Hofmanns**.
*Über den Zusammenhang mit der Gehorsamsidee (‚Elitetruppen‘) vgl. P. Blet […] ferner K. D. Schmidt […]
**Gemeint sind hier nicht die sog. ‚geheimen Jesuiten‘ (Jésuites de la robe courte), sondern die – meist mit kirchlichen Ämtern betrauten – ‚Hofjesuiten‘, als deren erster Vertreter der Beichtvater von Henri IV, Pater Coton, gilt.

Heinrich Mann schreibt über Coton: „Dieser ist dumm, und aus Dummheit schlau, oder umgekehrt.“

Klaus Schröeter stammt, wie Ulrich Weisstein, aus den östlichen vormals deutschen Landen, in diesem Fall Königsberg, wo er 1931 geboren wurde, und auch ihn wehten die Winde der Geschichte in die Vereinigten Staaten, wo er als Kollege im Fach, der vergleichenden Literaturwissenschaft, zunächst an Universitäten in New York lehrte, bevor er wieder nach Europa zurückkehrte. Er ist Autor der Rowohlt Monographie von 1967 über Heinrich Mann. Hier schreibt er über den vollendeten König Henri:

„Sein Wissen und seine Moral sind aber, wie im Leben selbst, erworben worden durch das Erlebnis aller Gegensätze seiner Zeit: ihrer geistlichen Lehren, von dem strengen Protestantismus der Hugenotten unter Jeanne d’Albret und dem Admiral Coligny bis zu der theologischen Staatsraison der Jesuiten, die gegen Ende von Heinrichs Regierung mit so verbindlichen Manieren wieder auftauchen; […]“

Je mehr ich Quellen abfrage zur Art und zum Ansinnen der Jesuiten in der Zeit von Henri IV., desto widersprüchlicher wird die Geschichte. Der Orden selbst schreibt:

Ignatius von Loyola lebte in einer Zeit, in der die Kirche sich in einer inneren Auflösung befand. Er war davon überzeugt, dass die Reform der Kirche nur von innen her erfolgen kann, aus einer vertieften Frömmigkeit und Christusbegegnung. Die Idee seiner Ordensgründung war neu: Nicht Abkehr, sondern Hinwendung zur Welt, um sie für Gott zu gewinnen; die größere Ehre Gottes, für die er alle guten und geeigneten Mittel einsetzte.

In den Quellen begegenen mir widerkehrend folgende Vorwürfe, die auch Heinrich Mann via Henri aufgreift: Intrige, Verstellung, skrupellose Machtmanipulation bis hin zum Attentat, Doppelzüngigkeit, Elitärgehabe. Woraus speist sich diese Feindschaft? Die Gesellschaft Jesu will herausragen, versucht an Bildung und im Ausführen der Aufgaben das Beste zu bieten, was in ihr steckt. Für mich sind die Jesuiten das Sonett unter den Orden: streng und kompromißlos in der Form, aber was dabei herauskommt ist vielfältig, unvorhersehbar und oftmals wunderbar. Ironischerweise schreibt Heinrich Mann ganz offenbar mit Vergnügen über Henri IVs eigene Verkleidung, um als eine Art Kalif Storch seinem Volk aufs Maul zu schauen. Wenn Jesuiten die „Imitatio Christi“ auch auf die Brüder Christi, die einfachen Menschen, anwenden, um unter ihnen als ihresgleichen zu sein, wie Matteo Ricci unter seinen Guangdong-Nachbarn, dann dient das ebendiesem Zweck. Was bei Henri der lange Atem und die schwere Schule ist auf die Inkraftsetzung seines großen Plans hin, Frankreich zu einigen und in einen friedlichen Staatenbund zu treten, ist bei den Jesuiten wohl kaum etwas anderes, wenn sie dabei auch methodischer und strategischer zuwege gehen mögen. Die Attentatstheorie sieht in jesuitischen Quellen auch anders aus, die Verirrung eines einzelnen, Marianas. Siehe den Kommentar unter „Tyrannenmord und Mariana, SJ

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Ein Kommentar zu “Unheimliche Gesellschaft – Exemplarische Menschen

  1. Zum Großen Plan

    H. Mann wird wohl gewusst haben, dass der Große Plan eine nachträgliche Erfindung in Sullys Memoiren ist. Zu seinen Lebzeiten ist Henri IV nie darauf eingegangen (Durant 165).
    Immerhin ist Sullys Großer Plan ein bemerkenswertes Dokument, eine frühe Europa-Konzeption. In ihr wird eine „christliche Republik“ bzw. Föderation aus 15 autonomen Staaten vorgeschlagen, die miteinander zollfreien Handel treiben und ihre Außenpolitik einem „Bundesrat“ unterstellen, der mit höchster militärischer Gewalt ausgerüstet ist (ebd.). Man denkt sofort an die EU-Kommission und den EU-Binnenmarkt und – leider – auch an die beginnende Militarisierung der EU.

    Heinrich Mann lässt Henri IV den Großen Plan anlässlich des Empfangs der Lübecker Kaufleute (eine der ganz wenigen frei erfundenen Episoden des Romans) entwickeln (Vollendung 817 ff). Ein Plan für die Herrschaft des Rechts. Hugo Grotius ist tatsächlich von Henri IV empfangen worden. Ein Friedensprojekt, wenngleich ein militärisch erzwungenes! „Dies alles ist zuerst bestimmt, den Angreifer abzuschrecken, und soll den Frieden erzwingen..“ (817).

    Mit Sully schwärmt Mann von einem Gegenreich zum Heiligen Römischen Reich, zur universalen Monarchie der Habsburger. Henri IV wird als „Retter“ (823), ja „König“ (855) Europas tituliert. Und hier ist sich H. Mann, der überzeugte Europäer, so sicher, dass er alle Montaigne’sche Skepsis abwirft. Langfristig wird der Bund freier Völker siegen: „Was weiß ich, gilt hier nicht. Dies wissen wir.“

    Was Henri IV wohl in Wirklichkeit plante, war, den „eisernen Ring“ der Habsburger zu durchbrechen, sei es, um Frankreich wenigstens bis zu seinen natürlichen Grenzen auszudehnen, sei es, um die Habsburger überhaupt zu vernichten. Doch Henri IV geht vorsichtig vor und wartet ab. Nach der Pulververschwörung (1605) gegen König Jakob wächst der Druck auf Henri IV, gegen die Kaiserlichen loszuschlagen. Nach H. Mann ist es eine „regelmäßige Mehrheit“ (was ist gemeint?) des Volkes, die den König drängt, „an die Grenze“ zu marschieren (794): „An die Grenze, um den Staat zu verteidigen, wie du ihn gemacht hast.“ Aber: „Losgehen, sogleich, aus Anlass des frechen Anschlages, der für die meisten Seelen die erste Erleuchtung war, das wollte Henri nicht“ (794). Lieber fährt er zunächst noch fort, bei den Völkern für seine Sache zu werben.

    H. Mann hätte es wohl richtiger gefunden, wenn Henri gleich losgeschlagen hätte. Der Roman erscheint 1938, ein Jahr vor dem deutschen Überfall auf Polen, dem Beginn des 2. Weltkrieges. Habsburg, dieses „Reich der Finsternis“ (828), hegt wie Hitler „böse Träume“. Ein vorbeugender Krieg gegen Hitler-Deutschland könnte viel Elend ersparen. „Verpaß den Punkt nicht! Bleib in Bewegung! Jetzt oder nie, zieh in deinen Krieg, sonst ist er schon verloren“ (823). In seiner Ansprache aus den Wolken sagt Henri: „Ich habe zu lange gewartet. Die Revolutionen kommen nie zur rechten Zeit: deshalb muss man sie zu Ende führen, und zwar gewaltsam“ (944).

    1609, anlässlich des – an sich geringfügigen – Thronnachfolgeproblems von Cleve und Jülich muss es dann plötzlich ganz schnell gehen. Henri mischt sich massiv ein, rüstet zum Krieg. Dieser Krieg ist in Frankreich unpopulär, schreibt J. Burckhardt („Richelieu“): Henri IV handele hier „dem Willen seines Volkes entgegen“ (29). Burckhardt spricht von einem „vermessenen, ja wohl aussichtslosen Feldzug“ (30).

    H. Mann führt die Unpopularität auf die Kanzelprediger und Ecksteinredner zurück, die im Auftrage des Hofes und der Spanier gegen den König agitieren. Dagegen führt er eine tiefere Popularität des Königs beim Volk an: „Die gewöhnlichen Leute, Arbeiter und wer alles auf den Strassen lebte, hatte eine geheime Verbindung nach dem König“ (824) Der König soll im Auftrage dieses Volkes handeln – gegen „alle Feinde der Völker“ (794). „Eine eigene, tiefe Weisheit muss die Völker leiten, wenn sie weiter an ihn glauben, besonders das seine“ (856)

    H. Mann gibt freilich auch zu, dass sich die „gewöhnlichen Leute“ ihrer „geheimen Verbindung nach dem König“ nicht „in jeder Stunde bewusst“ sind: „Der Redner auf dem Eckstein konnte durchaus ihren Beifall genießen“ (824).

    Bei den Durants (163) heisst es: „Er war (…) der geliebteste, freilich noch nicht der populärste [der französischen Könige]. Die Hälfte seiner Untertanen akzeptierte ihn nur widerwillig.“

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