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El padre Juan de Mariana
Moreno González, Matías
© Museo Nacional del Prado

Ein Beitrag von R***

„Der Jesuit Mariana hat das Recht gelehrt, Könige zu töten“, schreibt H. Mann (S. 789). Im Kapitel „Die Gestalt neben dem Bett“ (S. 746 ff) stellt sich Henri naiv gegenüber Pater Ignatius und bekennt, dass „die Lehre des berühmten Mariana von dem Recht, die Könige zu töten, ihn ungemein fessele…Das galt bis neulich als ein Verbrechen….Das erste Mal erhebt ein Gelehrter es zum geheiligten Recht. Was geht da vor?“

Regizid – Tyrannenmord

Aber ist H. Manns Formulierung nicht irreführend? Es geht nicht um das „Recht, die Könige zu töten“, sondern um Tyrannenmord. Und der Tyrannenmord ist der Extremfall eines allgemeinen Widerstandsrechts gegen tyrannische Auswüchse der Königsherrschaft. Abgesehen davon, dass der Tyrannenmord schon in der mittelalterlichen Scholastik erlaubt ist, also kein „Verbrechen“, wird er in der frühen Neuzeit nicht nur von Jesuiten, sondern auch von Calvinisten und Katholiken diskutiert.

Nicht nur hätte es H. Mann zu denken geben müssen, dass die Jesuiten von den Nazis verfolgt wurden. Auch für den Tyrannenmord hätte er eigentlich Verständnis zeigen müssen, wo doch Hitler mindestens ein Tyrann war. Aber Henri IV durfte kein Tyrann sein, sondern musste volkstümlich sein, am liebsten die Volkssouveränität selbst.

Ich glaube, ich habe schon einmal aus W. Jöckel zitiert: „Die Königsmordtheorie der Jesuiten, potentiell doch auch Legitimation berechtigter Notwehr gegen absolutistische Willkür, wird zum frechen Anschlag auf Henri, also gegen die Vernunft“.

In „Die Bourbonen“ (2008) schreibt der Historiker K. Malettke:

„Für Ravaillac – wie allerdings für nicht wenige Franzosen auch – war Heinrich IV zu einem Tyrannen geworden, der sich anschickte, gegen das katholische Haus Habsburg und gegen den Papst zu kämpfen. Die Kriegsvorbereitungen gegen Spanien und die Bündnisse mit den protestantischen Mächten stießen in weiten Teilen der Bevölkerung auf zunehmende Ablehnung und gaben dem Wiederaufleben der Theorie vom gerechtfertigten Tyrannenmord neue Nahrung, eine Theorie, die von einigen Juristen, insbesondere von dem Spanier Mariana verbreitet worden war. Hinzu kam Kritik an den hohen Kosten der Hofhaltung, an der als zu stark empfundenen Machtposition Sullys, an der Kooperation mit den Osmanen und daran, dass in Charenton, in unmittelbarer Nähe von Paris, reformierte Gottesdienste abgehalten werden durften.“

Der König

Die Debatte um den Tyrannenmord ist umgekehrt eine Debatte um die Legitimität und Souveränität des Königs. Da gibt es die Monarchomachen – ‚Bekämpfer der Monarchen’ im Sinne ihrer Kontrolle und Einschränkung durch Gesetze und Rechte einer ständisch verfassten ‚Volkssouveränität’ (Jesuiten wie Luis Molina, Francisco Suárez, Juan de Mariana, Calvinisten wie Bèze, Hotman, Du Plessis-Mornay, ‚Vindiciae contra tyrannos’) – contra die Verfechter einer absolutistischen Souveränität des Königs – Jean Bodin, der bei H. Mann nicht vorkommt, obwohl doch Henri IV, wenn ich nicht ganz falsch liege, ein Wegbereiter des Absolutismus ist (und nicht der französischen Revolution, wie H. Mann manchmal suggeriert). Sich in diesem Streit der Gelehrten und Juristen und Theologen zu orientieren, ist nicht einfach, nicht zuletzt, weil die Kontrahenten manchmal je nach Machtlage die Seiten wechseln (wie z.B. Hotman, der gegen Heinrich III die Volkssouveränität verteidigt, aber sich dann bei Heinrich IV für den Absolutismus einsetzt) bzw. taktische Bündnisse eingehen. Dazu kommt: Während sich die Kalvinisten und Jesuiten für eine volkssouveräne Einschränkung des Königs aussprechen, verteidigen umgekehrt in Deutschland die Lutheraner das göttliche Recht des Fürsten. (Die lutheranischen Pamphlete gegen die Jesuiten sollen übrigens ziemlich scharf sein).

Letztlich geht es um die Bildung von frühmoderner Staatlichkeit, die sich sowohl gegen feudal-ständische Gewalten als auch kirchlich-religiöse Banden durchsetzt, zumindest in Frankreich. Vielleicht können wir das später noch einmal aufgreifen.

Hier noch ein längeres Mariana-Zitat aus seinem ‚De rege’:

„Wer kann gerechterweise ein Tyrann genannt werden? … Wir überlassen dies nicht der Entscheidung eines Einzelnen oder dem Urteil vieler, solange nicht die Volksstimme sich öffentlich dazu äußert und gelehrte und ernsthafte Männer bei der Erörterung zugegen sind … (Aber) wenn ein Fürst ein Land zugrunde richtet, mit dem Staats- und Privatbesitz Missbrauch treibt, öffentliche Gesetze und die heilige Religion von sich stößt und sich anmaßend und ungläubig erweist …. (wenn) Bürger der Möglichkeit, sich zu allgemeiner Beratung zu versammeln, beraubt werden, aber ernsthaft gesinnt sind, der existierenden Tyrannei ein Ende zu bereiten …, und meinen, diese sei allgemein bekannt und unerträglich … , wenn in einem solchen Fall ein Einzelner vortritt und dem allgemeinen Wunsch entspricht und sich erbietet, einen solchen Herrscher zu töten, dann will ich ihn nicht als Übeltäter betrachten … Es ist eine heilsame Überlegung, dass Fürsten davon überzeugt werden: wenn sie den Staat unterdrückten …, könnten sie nicht nur rechtmäßig, sondern zum Preis und Ruhm ihres Mörders getötet werden.“

(De rege)

Auch wenn Mariana vorsichtig formuliert und viele Sicherungen einbaut, eine gewisse Vagheit der Begriffe bleibt. Mir scheint, dass Mann das Problem der ‚öffentlich geäußerten Volksstimme’ unter dem Titel ‚Mehrheit’ und ‚Minderheit’ im Kapitel „Fürchte dich nicht!“ (S.794) ironisch aufgreift.

Übrigens wurde nach der Ermordung Henri IVs Marianas Tyrannenmordtheorie von jesuitischer Seite getadelt.

Können Sie, liebe Schröersche, ein Buch empfehlen, das den Jesuitenorden historisch-kritisch aufarbeitet?

Im Netz habe ich eine Liste der historischen Romane gefunden, die sich mit den Jesuiten beschäftigen: (siehe: Universität Innsbruck)

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3 Kommentare zu “Tyrannenmord und Mariana, SJ

  1. „Das Concil von Konstanz (1415) verurtheilte diese Lehre als häretisch in dem Satze: Tyrannus potest et debet licite et meritorie occidi per quemcunque vasallum et subditum, etiam per clanculares insidias et subtiles blanditias vel adulationes, non obstante quocunque praestito juramento seu confoederatione facta cum eo, non spectata sententia vel mandato judicis cujuscunque (vgl. d. Art. Johannes Parvus VI, 1748). Von da an gab es nur mehr wenige katholische Theologen, welche, übrigens immer unter großen Beschränkungen, einer gewaltsamen Beseitigung tyrannischer Regenten das Wort redeten. Darunter war ein einziger Jesuit, der Spanier Joh. Mariana (s. d. Art), dessen Buch De rege et regis institutione (1599) so wenig beanstandet wurde, daß König Philipp III. es genehmigte und die Widmung desselben annahm. Mariana verlangte, das Volk solle die Tyrannei so lange als möglich ertragen; erst wenn der Herrscher über alle göttlichen und menschlichen Rechte sich hinwegsetze, solle das Volk zusammentreten und ihm es wehren, und wenn alle Mahnungen fruchtlos blieben, ihn als öffentlichen Feind erklären und tödten. Wenn ein derartiges Gericht über den Tyrannen nicht förmlich gehalten werden könne, das ganze Volk aber darin einig sei, daß der Herrscher nur ein öffentlicher Feind sei, so dürfe jeder, dem die Möglichkeit gegeben sei, als Vertreter des Volkes die gebührende Strafe vollstrecken, doch nur mit offener Gewalt, nicht mit Gift oder Meuchelmord. Dabei erklärt Mariana, dieß sei seine persönliche Überzeugung, er sei sich aber seiner Irrthumsfähigkeit bewußt und wolle dankbar eine bessere Belehrung annehmen. Durchaus ungerechtfertigt ist aber die Bezichtigung der Gesellschaft Jesu, als wenn der Tyrannenmord bei ihr Ordenslehre sei. Kein anderer Jesuit stimmte Mariana zu; der Ordensgeneral Claudius Aquaviva (s. d. Art.) gebot alsbald nach Erscheinen des genannten Buches die Correctur der anstößigen Stellen und erließ am 6. Juli 1610 unter Androhung der schärfsten Strafen das Verbot, daß jemals ein Mitglied der Gesellschaft heimlich oder öffentlich lehre, es dürfe irgend jemand unter dem Vorwande der Tyrannei einem Regenten nach dem Leben streben oder ihn tödten (Instit. Soc. Jesu II, Rom. 1870. 51). “

    zitiert aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon, Katholische Enzyklopädie / Herder Verlag, 1881 – 1903

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  2. Wenn ich zwischen lieferbaren Titeln zum Thema Jesuiten wählen müßte: Es gibt da einen gebundenen Band bei Piper von Historiker Markus Friedrich (Uni Hamburg, * 1974), und zwei Taschenbücher, in der Reihe C. H. Beck Wissen von Historiker Peter C. Hartmann (Uni Mainz, pens. / *1940) und bei Topos (Früher Grünewald Verlag, jetzt Butzon Bercker) vom Jesuiten Stefan Kiechle, *1960. Ich würde wohl zum Beck-Bändchen greifen und ansonsten auf eine gründliche Bibliographie dort im Anhang vertrauen. Aber ‚reingeschaut habe ich in keines der drei Bücher. Wenn allerdings Kohlhammer sich dazu durchringt, einen Band über den Orden herauszubringen, würde sich ein warten lohnen, um so an gründlich recherchierte Informationen in guter Form heranzukommen.

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  3. Pingback: Unheimliche Gesellschaft – Exemplarische Menschen | hqc

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