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Clio, Muse der Geschichtsschreibung / Bronze von Albert Wolff (1814 – 1897)
Verein Nikolaiviertel, Berlin / Foto: Hentschel

Ein Beitrag von R***

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(vergriffen)

Interessant wäre sicherlich ein Blick in die Debatte über „Sinn und Unsinn des historischen Romans“ (Feuchtwanger), die in den 1930er Jahren geführt wurde. Es gab ja den Vorwurf, der historische Roman wäre eine Flucht vor der Gegenwart. Die Verteidiger des historischen Romans sahen es genau umgekehrt.

Im Hintergrund steht der Versuch der Exilautoren, eine deutsche Volksfront gegen NS-Deutschland zu bilden. Hier spielte Heinrich Mann eine zentrale Rolle (Lutetia-Konferenz 1936 in Paris). „Streitbarer Humanismus“ klingt wie eine Konsensformel für die verschiedenen Oppositionskräfte der Volksfront.

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Der gute König Henri
Gravur von Hendrick Goltzius / BnF

Wie kann die „Macht der Güte“ die „Macht der Bosheit“ besiegen? Wie kann Güte überhaupt zur Macht werden? Sicherlich nicht als abstrakt-ideale, sondern indem sie auf „unverkürztes Menschentum“ heruntergebrochen wird. Der Henri IV-Roman geht – wie G. Raulet* in einem Aufsatz betont – in seiner Skepsis gegenüber der Möglichkeit des ethischen und rationalen Handelns ziemlich weit, manchmal hat man den Eindruck, dass Henri IV am Sinn des Handelns verzweifelt. Und doch hat der Roman eine positive Botschaft. Das Ideal wird nicht nur pragmatisch heruntergefahren, sondern auch und mehr noch „gerettet“, um ein Wort Raulets zu gebrauchen.

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E. Guilhamon/ D. Meyer (Hg.), Die streitbare Klio. Zur Repräsentation von Macht und Politik in der Literatur. Schriften zur politischen Kultur der Weimarer Republik, 2010. / * darin: Gérard Raulet; „Streitbarer Humanismus. Zum Verhältnis von Ethik und Politik in Heinrich Manns Roman Henri Quatre“
lieferbar / Peter Lang, 2010 / 42,00 €

Demontage und Rettung in eins also. Das ist das, was ich in der wütenden Attacke neurechter bzw. ex-links(liberaler) Intellektueller auf das ‚Gutmenschentum’ der ‚Wir-schaffen-das-Deutschen’ vermisse. Ob Frank Böckelmann (einst Gefährte R. Dutschkes in der „Subversiven Aktion“) oder R. Safranski, Sloterdijk, S. Gerlich, ganz zu schweigen von erklärten AFDlern wie M. Jongen oder M. Klonovski – für sie alle ist der Humanitarismus und Moralismus der ‚Willkommenskultur’ nichts anderes als ‚hypermoralische Hybris’, ‚kollektive Regression’, ‚hysterischer Gesinnungsmoralismus’, ‚moralischer Imperialismus’, ‚moralistische Infantilisierung’, ‚weltfremder Humanitarismus’ etc. etc. Hier wird nichts gerettet, nur demontiert, genauer: denunziert.

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à propos – bei Kröner /  14,90 €

Nicht dass man die Rhetorik der political correctness nicht kritisieren oder die Flüchtlingskrise nicht problematisieren dürfe! Darum geht es nicht, sondern um den merkwürdigen Widerklang eines alten Zerwürfnisses – zwischen Thomas und Heinrich Mann. So feiern manche Stichwörter aus Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) bei der neuen Rechten – oder den ‚Rechtspopulisten’ – fröhliche Urständ, etwa der „aufgerichtete Magisterfinger“ des „Moralismus“, der Thomas Mann „befremdet“, oder der „Zivilisationsliterat“, der als ‚weltfremder Humanitarist’ wiederkehrt. Tatsächlich geht es damals wie heute um, sehr grob gesagt, die Alternative Nation oder Europa. Und auch heute können wieder (intellektuelle) Freundschaften darüber zerbrechen, wie der Briefwechsel zwischen Öhler und Gerlich eindrucksvoll zeigt. (Der Riss durch uns / Die Zeit online, Mai 2016)

(Überschriften und Bildmaterial von der Schröerschen)

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