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sinn_u_form_2013_janIn der Ausgabe Januar / Februar 2013 von „Sinn und Form“ sind etliche denkenswerte Beiträge zur Geschichte; beispielsweise ein Essay von Perry Anderson „Vom Fortschritt zur Katastrophe – Über den historischen Roman“, in der Übersetzung von Heide Lipecki. Gespannt war ich, ob Heinrich Mann gewürdigt wurde.

perry_anderson

Bildquelle: iea Nantes

Anderson, auf den Versen von Georg Lucács‘ Essay »Der historische Roman« schreitet den Weg der Gattung ab, der mit den Waverly-Romanen von Walter Scott anhub, bis in unsere Zeit (Sebald, Tournier, Carey, um drei geradeso herauszugreifen). Der die Henri Quatre betreffende Zeitraum taucht in der Mitte des Essays auf: Anderson lobt die Qualität historischer Romane in der Belle Époque (wie Anatole Frances »Die Götter dürsten«), um dann einen Verfall an Qualität in der Folge des Ersten Weltkriegs und des aufkeimenden Modernismus festzustellen. »Dessen Wahrnehmungsprimat sei mit einer totalisierenden Rückschau unvereinbar und eine modernistische Version des historischen Romans à la Lukács demnach unmöglich.« Das ist mir zu hoch. Nun ja, etcetera, etcetera, dann erscheint „Robert Graves‘ »Ich, Claudius, Kaiser und Gott«, die seelische Flucht vor dem ersten Weltkrieg in die Antike, die dann Futter für eine matte Fernsehserie wurde.“ und dann kommt unser Mann:

Auf einem höheren Niveau führten ähnliche Reflexe zu einem Bündel historischer Romane von deutschen Emigranten – Heinrich Mann, Döblin, Broch, Brecht -, die den Faschismus allegorisierten, als Aufstieg Cäsars, als nach Augustus brüllender Pöbel, als gedungene Mörder der katholischen Liga, im Geiste einer bewußten Modernisierung, die mit der klassischen Konzeption des historischen Romans unvereinbar war.

liga_gruendung

Gründung der Katholischen Liga durch Herzog Maximilian I. von Bayern (1609)
Karl von Piloty 1854
Foto Unbekannt | © Studienstiftung Maximilianeum / Quelle: Bayerischer Landtag

At a higher level, similar reflexes generated a cluster 
of historical novels by German exiles – the elder Mann, 
Döblin, Broch, Brecht – in which Fascism was allegorised 
into the past, as the rise of Julius Caesar, mobs howling 
for Augustus, or the killers of the Catholic League, in a 
deliberately modernising spirit completely at variance with 
the classical conception of the historical novel.

quoted from LRB, 28 July 2011; From Progress to Catastrophe – Perry Anderson on the historical novel)

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Ein Kommentar zu “Anderson zu historischen Romanen zwischen den Kriegen

  1. Interessant wäre sicherlich ein Blick in die Debatte über „Sinn und Unsinn des historischen Romans“ (Feuchtwanger), die in den 1930er Jahren geführt wurde. Es gab ja den Vorwurf, der historische Roman wäre eine Flucht vor der Gegenwart. Die Verteidiger des historischen Romans sahen es genau umgekehrt.

    Im Hintergrund steht der Versuch der Exilautoren, eine deutsche Volksfront gegen NS-Deutschland zu bilden. Hier spielte Heinrich Mann eine zentrale Rolle (Lutetia-Konferenz 1936 in Paris). „Streitbarer Humanismus“ klingt wie eine Konsensformel für die verschiedenen Oppositionskräfte der Volksfront.

    Wie kann die „Macht der Güte“ die „Macht der Bosheit“ besiegen? Wie kann Güte überhaupt zur Macht werden? Sicherlich nicht als abstrakt-ideale, sondern indem sie auf „unverkürztes Menschentum“ heruntergebrochen wird. Der Henri IV-Roman geht – wie G. Roulet* in einem Aufsatz betont – in seiner Skepsis gegenüber der Möglichkeit des ethischen und rationalen Handelns ziemlich weit, manchmal hat man den Eindruck, dass Henri IV am Sinn des Handelns verzweifelt. Und doch hat der Roman eine positive Botschaft. Das Ideal wird nicht nur pragmatisch heruntergefahren, sondern auch und mehr noch „gerettet“, um ein Wort Raulets zu gebrauchen.

    Demontage und Rettung in eins also. Das ist das, was ich in der wütenden Attacke neurechter bzw. ex-links(liberaler) Intellektueller auf das ‚Gutmenschentum’ der ‚Wir-schaffen-das-Deutschen’ vermisse. Ob Frank Böckelmann (einst Gefährte R. Dutschkes in der „Subversiven Aktion“) oder R. Safranski, Sloterdijk, S. Gerlich, ganz zu schweigen von erklärten AFDlern wie M. Jongen oder M. Klonovski – für sie alle ist der Humanitarismus und Moralismus der ‚Willkommenskultur’ nichts anderes als ‚hypermoralische Hybris’, ‚kollektive Regression’, ‚hysterischer Gesinnungsmoralismus’, ‚moralischer Imperialismus’, ‚moralistische Infantilisierung’, ‚weltfremder Humanitarismus’ etc. etc. Hier wird nichts gerettet, nur demontiert, genauer: denunziert.

    Nicht dass man die Rhetorik der political correctness nicht kritisieren oder die Flüchtlingskrise nicht problematisieren dürfe! Darum geht es nicht, sondern um den merkwürdigen Widerklang eines alten Zerwürfnisses – zwischen Thomas und Heinrich Mann. So feiern manche Stichwörter aus Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) bei der neuen Rechten – oder den ‚Rechtspopulisten’ – fröhliche Urständ, etwa der „aufgerichtete Magisterfinger“ des „Moralismus“, der Thomas Mann „befremdet“, oder der „Zivilisationsliterat“, der als ‚weltfremder Humanitarist’ wiederkehrt. Tatsächlich geht es damals wie heute um, sehr grob gesagt, die Alternative Nation oder Europa. Und auch heute können wieder (intellektuelle) Freundschaften darüber zerbrechen, wie der Briefwechsel zwischen Öhler und Gerlich eindrucksvoll zeigt.

    http://www.zeit.de/2016/23/briefwechsel-freundschaft-links-journalist-rechts-philosoph/seite-2

    *„Streitbarer Humanismus. Zum Verhältnis von Ethik und Politik in Heinrich Manns Roman Henri Quatre“, in: E. Guilhamon/ D. Meyer (Hg.), Die streitbare Klio. Zur Repräsentation von Macht und Politik in der Literatur. Schriften zur politischen Kultur der Weimarer Republik, 2010.

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