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guy_fawkes

The Gunpowder Plot Conspirators, 1605
after Crispijn de Passe the Elder photogravure, published 1902 (circa 1605)
National Portrait Gallery

„Ohne viel Worte war es ausgemacht, daß die Gesellschaft Jesu gehandelt hatte, und hinter ihr Spanien. Eine Macht, die schon besiegt ist, aber noch nicht genug, kann es nicht lassen. Vernunft und Bescheidenheit lernt sie weniger, aber um so mehr die List und das Verbrechen. Eine neue Kampftruppe geht aus der alten Macht hervor, geistliche Soldaten, wenn es vom Geist ist und soldatische Tugenden darstwellt, daß man mordet. [… hierzulande überbieten] die Kinderfreunde ihre Liebe für die Kleinen, während anderswo nach dem ersten Schrecken das Pulver fortgeräumt wird. Vöglein, Blümelein, wir sind es nicht gewesen, sondern das puritanische Parlament tagt von selbst auf Pulverfässern.“

S. 789 / zitiert aus der Studienausgabe bei S. Fischer von Heinrich Mann; Die Vollendung des Königs Henri Quatre

In der Berliner Zeitung las ich von der Wahl, unter Gebet und murmurationes, des neuen, 31. Generaloberen der Sociétas Jesu, Arturo Sosa SJ. Die Feindseligkeit Heinrich Manns gegenüber diesen Orden wundert mich immer. Meine Erfahrungen sind viel positiver. Mit Spannung las ich über den Jesuitenstaat in Paraguay (Philip Caraman; The Lost Paradise / dt: Ein verlorenes Paradies, Kösel 1979), erfuhr die Unterstützung bei unserem Wunsch, die katholische Hochzeit in der evangelischen Sankt Annen Kirche zu feiern, nahm an einem Kurs zur Religions- und Kulturgeschichte teil – wo ich unter anderem eine echt jesuitische Erklärung der Dreifaltigkeit erfuhr mit der Analogie zu Max Moritz und den Streichen, bei denen keiner ohne den anderen denkbar ist-, lernte von den eindrucksvollen Austausch der Jesuiten mit den Chinesen (Matteo Ricci) über die Jahrhunderte bis hin zu Enomiya Lassalle und mit den Ureinwohnern Nordamerikas und las gespannt in „Orientierung“ bis zu ihrer misteriösen Auflösung 2009, zur Zeit von Papst Benedikt XVI.

coton

Pière Coton S. J.; Beichtvater von Henri IV.
Tirée du livre de Alfred Hamy: Galerie illustrée de la Compagnie de Jésus, Paris, 1893.

Sind die Jesuiten schon gemeint mit den Schwarzgerockten, die in „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ unheimlich unter dem goldgeputzten steifen Prunkkleid der Österreicherin Elisabeths, Gemahlin Karls des IX. aus dem Haus Habsburg hervorlugen? Ironischerweise wurden die Jesuiten unter den Nationalsozialisten verfolgt. Aber es ist nicht nur Heinrich Manns Ingrimm. Henri Quatre hatte kein inniges Verhältnis zu den Jesuiten, und auch Franz von Sales blitzte bei ihm ab. Das ist historisch verbürgt.

[Heinrich Manns] Haß auf die Liga und die Jesuiten, die er für die Verzögerung der Einigung Frankreichs verantwortlich macht, kennt keine Grenzen, ja der Verfasser des Henri Quatre will uns einreden, daß die Societas Jesu bei jedem Mordanschlag auf Henri ihre Hand im Spiele hat. Den „Beweis“ führt er dadurch, daß er zeigt, wie das Versprechen der Väter, Gott werde den Mörder des Königs unsichtbar machen, einem Attentäter nach dem anderen zum Verhängnis wird. Doch muß man Heinrich Mann zugute halten, daß seine Ansichten vielfach denen des historischen Henri Quatre, der glaubte, „tous ces empoisonneurs“ seien „papistes“*, entsprechen.

S. 163, zitiert aus: Ulrich Weisstein; „Heinrich Mann“, de Gruyter 1962

* zitiert bei Voltaire; „de l’abjuration de henri iv

PS: Der Guy Fawkes Day, am 5. November, rückt näher. Von „unseren Schutzengeln“ der nahen RAF Basis in Laarbruch – das übrige Jahr dröhnten sie ohrenbetäubend dicht über unsere Köpfe – hörte ich in meiner Jugend immer das Feuerwerk, mit dem sie die Vereitelung des Plots feierten, wenige Tage bevor es bei uns losging am 11. November zu Ehren des heiligen Martins. So liegen Protestanten- und Katholikentum nahe beieinander.

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Ein Kommentar zu “Guy Fawks und die Jesuiten

  1. „Der Jesuit Mariana hat das Recht gelehrt, Könige zu töten“, schreibt H. Mann (S. 789). Im Kapitel „Die Gestalt neben dem Bett“ (S. 746 ff) stellt sich Henri naiv gegenüber Pater Ignatius und bekennt, dass „die Lehre des berühmten Mariana von dem Recht, die Könige zu töten, ihn ungemein fessele…Das galt bis neulich als ein Verbrechen….Das erste Mal erhebt ein Gelehrter es zum geheiligten Recht. Was geht da vor?“

    Aber ist H. Manns Formulierung nicht irreführend? Es geht nicht um das „Recht, die Könige zu töten“, sondern um Tyrannenmord. Und der Tyrannenmord ist der Extremfall eines allgemeinen Widerstandsrechts gegen tyrannische Auswüchse der Königsherrschaft. Abgesehen davon, dass der Tyrannenmord schon in der mittelalterlichen Scholastik erlaubt ist, also kein „Verbrechen“, wird er in der frühen Neuzeit nicht nur von Jesuiten, sondern auch von Calvinisten und Katholiken diskutiert.

    Nicht nur hätte es H. Mann zu denken geben müssen, dass die Jesuiten von den Nazis verfolgt wurden. Auch für den Tyrannenmord hätte er eigentlich Verständnis zeigen müssen, wo doch Hitler mindestens ein Tyrann war. Aber Henri IV durfte kein Tyrann sein, sondern musste volkstümlich sein, am liebsten die Volkssouveränität selbst.

    Ich glaube, ich habe schon einmal aus W. Jöckel zitiert: „Die Königsmordtheorie der Jesuiten, potentiell doch auch Legitimation berechtigter Notwehr gegen absolutistische Willkür, wird zum frechen Anschlag auf Henri, also gegen die Vernunft“.

    In „Die Bourbonen“ (2008) schreibt der Historiker K. Malettke:

    „Für Ravaillac – wie allerdings für nicht wenige Franzosen auch – war Heinrich IV zu einem Tyrannen geworden, der sich anschickte, gegen das katholische Haus Habsburg und gegen den Papst zu kämpfen. Die Kriegsvorbereitungen gegen Spanien und die Bündnisse mit den protestantischen Mächten stießen in weiten Teilen der Bevölkerung auf zunehmende Ablehnung und gaben dem Wiederaufleben der Theorie vom gerechtfertigten Tyrannenmord neue Nahrung, eine Theorie, die von einigen Juristen, insbesondere von dem Spanier Mariana verbreitet worden war. Hinzu kam Kritik an den hohen Kosten der Hofhaltung, an der als zu stark empfundenen Machtposition Sullys, an der Kooperation mit den Osmanen und daran, dass in Charenton, in unmittelbarer Nähe von Paris, reformierte Gottesdienste abgehalten werden durften.“

    Die Debatte um den Tyrannenmord ist umgekehrt eine Debatte um die Legitimität und Souveränität des Königs. Da gibt es die Monarchomachen – ‚Bekämpfer der Monarchen’ im Sinne ihrer Kontrolle und Einschränkung durch Gesetze und Rechte einer ständisch verfassten ‚Volkssouveränität’ (Jesuiten wie Luis Molina, Francisco Suárez, Juan de Maraini, Calvinisten wie Bèze, Hotman, Du Plessis-Mornay, ‚Vindiciae contra tyrannos’) – contra die Verfechter einer absolutistischen Souveränität des Königs – Jean Bodin, der bei H. Mann nicht vorkommt, obwohl doch Henri IV, wenn ich nicht ganz falsch liege, ein Wegbereiter des Absolutismus ist (und nicht der französischen Revolution, wie H. Mann manchmal suggeriert). Sich in diesem Streit der Gelehrten und Juristen und Theologen zu orientieren, ist nicht einfach, nicht zuletzt, weil die Kontrahenten manchmal je nach Machtlage die Seiten wechseln (wie z.B. Hotman, der gegen Heinrich III die Volkssouveränität verteidigt, aber sich dann bei Heinrich IV für den Absolutismus einsetzt) bzw. taktische Bündnisse eingehen. Dazu kommt: Während sich die Kalvinisten und Jesuiten für eine volkssouveräne Einschränkung des Königs aussprechen, verteidigen umgekehrt in Deutschland die Lutheraner das göttliche Recht des Fürsten. (Die lutheranischen Pamphlete gegen die Jesuiten sollen übrigens ziemlich scharf sein).

    Letztlich geht es um die Bildung von frühmoderner Staatlichkeit, die sich sowohl gegen feudal-ständische Gewalten als auch kirchlich-religiöse Banden durchsetzt, zumindest in Frankreich. Vielleicht können wir das später noch einmal aufgreifen.

    Hier noch ein längeres Maraini-Zitat aus seinem ‚De rege’:
    „Wer kann gerechterweise ein Tyrann genannt werden? … Wir überlassen dies nicht der Entscheidung eines Einzelnen oder dem Urteil vieler, solange nicht die Volksstimme sich öffentlich dazu äußert und gelehrte und ernsthafte Männer bei der Erörterung zugegen sind … (Aber) wenn ein Fürst ein Land zugrunde richtet, mit dem Staats- und Privatbesitz Missbrauch treibt, öffentliche Gesetze und die heilige Religion von sich stößt und sich anmaßend und ungläubig erweist …. (wenn) Bürger der Möglichkeit, sich zu allgemeiner Beratung zu versammeln, beraubt werden, aber ernsthaft gesinnt sind, der existierenden Tyrannei ein Ende zu bereiten …, und meinen, diese sei allgemein bekannt und unerträglich … , wenn in einem solchen Fall ein Einzelner vortritt und dem allgemeinen Wunsch entspricht und sich erbietet, einen solchen Herrscher zu töten, dann will ich ihn nicht als Übeltäter betrachten … Es ist eine heilsame Überlegung, dass Fürsten davon überzeugt werden: wenn sie den Staat unterdrückten …, könnten sie nicht nur rechtmäßig, sondern zum Preis und Ruhm ihres Mörders getötet werden.“ (De rege)

    Auch wenn Maraini vorsichtig formuliert und viele Sicherungen einbaut, eine gewisse Vagheit der Begriffe bleibt. Mir scheint, dass Mann das Problem der ‚öffentlich geäußerten Volksstimme’ unter dem Titel ‚Mehrheit’ und ‚Minderheit’ im Kapitel „Fürchte dich nicht!“ (S.794) ironisch aufgreift.

    Übrigens wurde nach der Ermordung Henri IVs Marainis Tyrannenmordtheorie von jesuitischer Seite getadelt.

    Können Sie, liebe Schröersche, ein Buch empfehlen, das den Jesuitenorden historisch-kritisch aufarbeitet?

    Im Netz habe ich eine Liste der historischen Romane gefunden, die sich mit den Jesuiten beschäftigen:

    https://www.uibk.ac.at/germanistik/histrom/cgi/wrapcgi.cgi?wrap_config=hr_sw_l.cfg&nr=19

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