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Ecole française (17e siècle) : Henri IV devant Paris. Siège de Paris par Henri IV en 1590.
Quelle: Peintures des Musées de France

Zu den Beiträgen von R*** (‚Legendenbildung‘ und ‚Idee und Wirklichkeit‘)

Aha, hier wird also die Legende hinterfragt, was Sie im vorherigen Beitrag angekündigt hatten: „Aber [Blattmann] zeigt die von Mann „ätzenden verschwiegenen Wahrheiten“ (115) und ‚Abgründe’ Henri IVs auf . Dazu später mehr.“

Henris Königreich

Wobei ich aufpassen muß, Henri und Heinrich nicht in einen Topf zu werfen. Was Henri IV betrifft, finde ich seine Darstellung gar nicht so sehr verherrlichend im Roman. Er hat kein wirklich klares Konzept, weder im Umgang mit Freund und Gegner, noch vom Staatenlenken oder vom Staat, den es zu lenken gäbe. Nach und nach besiegt oder kauft er lokale ‚Fürsten‘ (allgemein verstanden), aber läßt sie dann gewähren. Vage scheint es eine Vorstellung zu geben, daß, wenn Streitigkeiten beigelegt sind und Ernährung und Behausung nach Jahren des Kriegsplünderns und Zerstörens wiederhergestellt und gefördert werden, ein Equilibrium sich bildet, die einen König überflüssig macht. Religion spielt darin keine Rolle, noch Herkunft. Im Gefolge Henris sind Männer und Frauen aller Hintergründe, und er versucht, möglichst mit allen auszukommen, auch mit den herrschenden Strukturen, den Kirchenvertretern, den Ständen, den Regierenden in anderen Ländern.

Vom Aushungern und von anderen Grausamkeiten

Es ist eine Weile her, dass ich über die Belagerung von Paris gelesen habe, aber ich meine mich zu erinnern, dass Heinrich Mann sehr wohl klar machte, dass die Bevölkerung von Henris Truppen und auf Henris Geheiß ausgehungert wurden und es soweit kam, dass Kinder für den Verzehr gemordet wurden. Ob es nun auf Dauer Erbarmen war mit derlei Zuständen oder Kalkül, daran erinnere ich mich nicht mehr. Klar ist nur, dass Henri durchweg seine Gefolgsleute noch machen läßt, auch wenn Sie nicht seine Humanitätsideale teilen. Die Härte von de Rosny (später: Sully)  wird beispielsweise immer wieder angeführt. Es wirkt eher wie Anwandlungen, wenn Henri sich zwischendurch besinnt, Krieg, Todesstrafe, Ausplünderung abzuschaffen. Der einzige rote Faden, den ich sehe ist sein Bemühen, das Volk mit Hoch und Niedrig auf Dauer und mit Geduld in einen Zustand des friedlichen und erfüllten Miteinanders zu bringen.  Aber vielleicht lese ich da auch schon wieder meine eigenen Sehnsüchte hinein … Henri ist sich dabei sehr wohl im Klaren, dass er dieses Ziel zu Lebzeiten wohl schwer erreicht und dass es nach ihm alles wieder zunichte gemacht werden kann.

Privatvergnügen und Regieren

Ein anderer Aspekt im ‚herrschen‘ Henris ist, dass sein Privatleben eine unkritische und uneingeschränkte Rolle spielt. So Begriffe wie Arbeitszeit und Freizeit, Unterscheidung von öffentlichem und privatem Leben scheinen bei Henri völlig unmöglich. Dass Henri in diesem Durcheinander überhaupt ‚herrscht‘ verdankt er der Vorstellung der ‚Majestät‘, die zu der Zeit noch intakt scheint.

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2 Kommentare zu “Der heilige Henri?

  1. Ja, von einer platten ‚Verherrlichung’ Henris bei H. Mann kann man nicht sprechen. Henri ist bei ihm kein ‚Heiliger’, sondern ein Mensch in seiner ganzen condition humaine. Ein ständiges Lavieren zwischen Vision und Pragmatik.

    In seinem Grundstrom ist der Roman jedoch ‚salvatorisch’ (Blattmann). Bei allen Schwächen Henris wird seine Figur und Rolle immer wieder mit Christus-Attributen versehen. Die Botschaft dieses Christus lautet: Herrschaft des Humanismus, der Vernunft usw. – im Grunde das, was Schr*** den „roten Faden“ nennt.

    Es scheint übrigens, dass H. Mann in seinen privaten Notizen (nicht im Roman) zunehmend an der Mündigkeit des Volkes bzw. Volkstümlichkeit eines solchen Humanismus verzweifelte (siehe Blattmann, Bd. 2, „Notierte Verzweiflung“, S. 81ff).

    Zur Belagerung:

    Nicht dass H. Mann bestritten hätte, dass Henri mit seiner Belagerung das Volk von Paris aushungert! Doch der Grausame hat zugleich Gewissensbisse: „Der König aber entließ des nächsten Tages dreitausend Personen aus der Stadt, damit sie nicht Hungers stürben. (…) Überdies erlaubte er, dass die Bevölkerung kurze nächtliche Ausflüge machte, Getreide zu ernten, auf Feldern nahe der Mauer“ (Vollendung… 66). Ob das Realität oder Legende ist, weiß ich natürlich nicht. Nach Blattmann ist es Legende. In Wirklichkeit habe sich Henri IV gezwungen gesehen, seine unbesoldeten Soldaten durch den Handel über die Mauer einen Batzen Geld verdienen zu lassen (Blattmann Bd.1, 108). Interessant ist nun, dass auch H. Mann diese Version kennt, nur dass er sie in den Mund der Liga legt, als Propaganda, „dass der König das Brot nur geliefert habe aus dem großen Bedürfnis nach spanischem Gold. Sein Heer entläuft ihm“ (Vollendung 67).

    Nach H. Mann setzt das Gewissen Henri IV so sehr zu, dass er hier zum ersten Mal gegenüber Biron seinen Entschluss ausspricht, der hugenottischen Religion abzuschwören. Es sind freilich Gewissensbisse über „Taten, die er nicht eigentlich beging, sondern er war in sie versetzt“ (Vollendung 68). Das passt zu den „Anwandlungen“ – ob nun zu guten oder bösen Taten. H. Mann versäumt auch nicht, den ‚Religionswechsel’ sogleich zu ironisieren, denn so nennt Biron die gleichzeitige Tatsache, dass Henri „auch Liebe mit der schönen Äbtissin eines Frauenklosters (trieb)“ (Vollendung 67).

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  2. „Ich habe nur immer mein Heil gesucht und allzeit gebetet zu der göttlichen Majestät, daß sie es mich möge finden lassen. Die göttliche Majestät gab mir zu wissen, durch die unmenschlichen Greuel, die in Paris von anderen ausgeführt wurden, aber ich selbst mußte sie verantworten – gab mir zu wissen, daß mein Heil dasselbe ist wie die Herstellung des Rechtes, und dieses ist die vollkommendste Gestalt, die ich vom Menschlichen kenne.“ (S. 217 unten)
    (Klingt fast wie Don Camillo vorm Kruzifix.) Erkennbar ist die Instanz der Majestät von Gott gegeben, also als Wiederspiegelung göttlicher Ordnung. War das verantwortete Greuel Mittel auf dem Weg der Rechtsherstellung oder Abweichung? Nährt sich Heinrich Manns Herrscherideal von Jenseitsvertröstungen? Ich vermute, dass er in Henri IV eine Verwirklichung im Hier und Jetzt anstrebt, was auch voraussetzt, dass in den Mitteln der Umsetzung diese Vorstellung schon verwirklicht wird, also Greuel ausgeschlossen werden müssen. Ich las Henris Entsetzen auch eher als Reue über Verbrochenes, dass er seiner Schwäche zurechnet, nicht als Jobiade über einen Gottesplan. Bleibt die Frage, was „Herstellung des Rechtes“ bedeutet. Magnifikat?

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