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Ein Beitrag von R***
Blattmann füllt drei Bände, in denen er die ‚église humaine’ bzw. den religiösen Humanismus als Leitmotiv des Romans durchexerziert. Das Material ist beeindruckend, aber zum Schluss weiß man nicht mehr, wer mehr auf dieses Motiv fixiert ist: Blattmann oder Mann. Wie um dieser Unsicherheit zuvorzukommen, stellt er an einer Stelle (43) klar, dass er nicht monoman sei: „Nicht ist monoman, wer dieses nie erloschene, wenn auch zuweilen verdeckte Feuer bei Mann sieht, sondern Mann selbst ist der melioristisch-manisch Besessene“. (Hier benützt er sogar den etwas unglücklichen, weil belasteten Ausdruck vom „fanatischen Glauben“.)

Dass Blattmann das Leitmotiv so detailliert und extensiv herausarbeitet, heisst nicht, dass er sich – bei aller Sympathie – unkritisch mit ihm identifiziert. Das ‚Geist- und Tat’–Pathos macht wohl Manns Stärke und Schwäche zugleich aus. Es macht ihn hellsichtig gegenüber dem Rausch der Nazis, aber auch blind gegenüber dem Kult um Stalin. Ende der 40er Jahre ist Stalin für Mann der „Berufene“ (Zeitschrift Aufbau 1949, H.12), so wie es zuvor Henri war. Blattmann kurz und knapp: „Die Integrität des Intellektuellen Heinrich Mann bricht im Stalin-Hymnus zusammen.“ (92) (Interessant wäre hier der Aufsatz „Leiden und Größe Heinrich Manns“ von Jean Améry, dem Blattmann offenbar vorwirft, „diesen Zusammenbruch zu bagatellisieren“).

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„Heinrich Mann, * 1871, DDR“
Briefmarke von 1971
Quelle: suche-briefmarken.de

Freilich: „Auf Manns Zusammenbruch verweisen, heißt nicht, des Autors Andenken herabzusetzen, sondern: die Wahrheit ehren, zu der sein vor dem Sturz in die Stalinmythe gelebtes Beispiel unablässig verpflichtet. Die Strenge seiner Maßstäbe wendet sich gegen ihn selbst (…)“ (Blattmann 93)

Dies gilt auch – ohne damit Stalin und Henri IV gleichsetzen zu wollen – für Manns ‚Blindheit’ gegenüber jenen realhistorischen Fakten, die „Henris Rolle als Salvator schwächen und die Leuchtkraft seiner église humaine verdunkeln“ (122) könnten – hierin im Einklang mit der historischen Legendenbildung, deren Selektivität er übernimmt.

Einige Hinweise:

Die Milde und das Erbarmen Henris mit den Hungernden und Armen im belagerten Paris stellen sich anders dar, wenn man sie vor dem Hintergrund sieht, dass Henri keine andere Wahl hatte, „als seine unbesoldeten Soldaten durch den Handel über die Mauer einen Batzen Geld verdienen zu lassen“ (108)

Ob Henri nicht zu Recht als Tyrann gelten konnte (116), wäre noch zu diskutieren. Die Idee des Tyrannenmordes ist jedenfalls keine jesuitische Erfindung, auf die sie Mann reduziert.

Das Edikt von Nantes war weniger eine Gabe der Gewissensfreiheit als vielmehr ein von den Hugenotten erzwungenes Zugeständnis, das im übrigen einschneidende Benachteiligungen und gegenüber dem Edikt von Poitiers 1577 nicht allzu viel Neues enthielt (110,116).

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Jan van Haelbeck
Equestrian portrait of Henri IV (1605-1610)
The British Museum

Das außenpolitische Spektrum, die Lage im Reich, bleibt unterbelichtet. „Der Escorial, noch immer die wichtigste Befehlszentrale der Welt, erscheint nur flüchtig: als Ort der Geschlechtskrankheit…. Spanien-Habsburg, (….) wird mythifiziert als die Welt des Bösen: die kulturellen Leistungen Spanien-Habsburgs fallen nicht ins Gewicht.“ (117)

Wichtiger ist Manns Selektivität in ökonomischen Dingen. Die „Brutalität“ von Sullys „verschleiertem Finanzgebaren“ (117) bleibt im Roman undurchschaubar. „Der hohe Geldbedarf für den Spieltisch und die Betten des Königs wird von Mann ohnehin entschuldigt.“ (117) Die Aufrüstung Frankreichs zur stärksten Militärmacht Europas fordert ihren Preis, vor allem Steuererhöhungen. Aufs Ganze gesehen haben Ökonomie und Gesellschaft zwar bessere Bedingungen, doch werden „die Bauern noch immer genug gequält und ausgesogen“ (118). Nicht nur hat das „Elend“ dieses menu peuple im Roman kein Gesicht, auch die zahlreichen Bauernaufständen gegen die Adligen (118f) – Wetterleuchten der franz. Revolution! – kommen nicht vor oder werden nicht gewürdigt. Es würde an der angeblichen Volksnähe Henris kratzen. Denn Henris Reaktion auf diese canailles ist nicht schmeichelhaft.

Ob Mann mit dem biblischen Diktum ‚Die Gemeinen werden erhöht, die Reichen erniedrigt’ der komplizierten Beziehung zwischen Fürst und Ständen gerecht wird, ist fraglich. Vielleicht sollten wir uns diese Beziehung mal näher anschauen.

Doch ertappe ich mich jetzt dabei, Heinrich Mann nur noch als Historiker und nicht mehr als Schriftsteller zu sehen und beckmesserisch zu werden. Vielleicht ist es der notorisch hohe Ton dieses Geschichtsromans, der zum Exkurs in die Realgeschichte reizt. Das wäre aber schon nicht das geringste Verdienst dieses Romans.

[Seitenzahlen beziehen sich auf Blattmann, Ekkehard; Henri Quatre Salvator / P. Lang, 75,95 €]

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