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Henry IV en Herculeus terrassant l Hydre de Lerne cad La ligue Catholique Atelier Toussaint Dubreuil circa 1600 / Louvre

Ein Beitrag von R***

„Ich muss es aufnehmen mit dem römischen Kaiser, der universalen Monarchie (….) Ich allein (…) steh gegen die ganze Hydra, die aber die Christenheit heißt. Die Zumutung entsetzte ihn.“

(S.387, Studienausgabe)

Hat der historische Henri IV wirklich diese Absicht gehabt? Manns Antwort schillert. Einerseits ja:

„Ich will denn in Gottes Namen einen freien Bund gründen mit den Königreichen und Republiken, die bis heute verschont sind und die Stirn erheben dürfen gegen Habsburg“

(S. 390)

Andererseits soll es nur ein Traum sein, den er während eines Feuerwerks gehabt haben will:

„Wahrhaftig gelangte ich währenddessen in ein hohes Gefilde – weiß nicht mehr, wieso ich dort abirrte.“

(S.392)

Wie H. Mann wohl weiß, ist dieser ‚Große Plan’ eine Idee des Herzogs von Sully, den er in seinen – späteren – Memoiren entwickelt und Henri IV zuschreibt. Umso erstaunlicher, dass er im Roman diesen Plan ausdrücklich Sully abspricht:

„»…mein Rosny, welch eine tüchtige Mittelmäßigkeit«. Ein freier Bund von Königreichen und Republiken, seinem besten Diener kam er niemals in den Sinn…“

(S. 391)

Wieso H. Mann diese Verkehrung vornimmt, ist unklar.

So ganz fern mag dieser Plan übrigens Henri IV nicht gelegen haben. Worin bestand er? 15 ähnlich starke Staaten sollten sich als Bollwerk gegen die Habsburger, vor allem Spanier, zusammenschließen. Die Machtausweitung einzelner Staaten sollte durch das Einschreiten aller anderen verhindert werden. Die (drei) Konfessionen sollten gleich gewichtet sein, kein einzelner Führer an der Spitze stehen, sondern alles vom Mehrheitswillen einer allgemeinen Ratsversammlung entschieden werden. Diese sollte aus Kommissarien, Ministern und Bevollmächtigten aller Staaten der Christlichen Republik bestehen. – Man assoziiert sofort den Europäischen Rat und die Europäische Kommission! Dazu passt auch die Amtsdauer von 3 Jahren und die Rotation der Tagungsorte.

Der Plan blieb ein bloßer Plan. De facto wäre er auf eine französische Dominanz hinausgelaufen, die die anderen Länder aber nicht wollten. Die Nachfolger Henri IV beschränkten sich darauf, Frankreich stark zu machen und aus der habsburgischen Umklammerung zu befreien.

Bildquellen: wikisource / vialibri

Friedenspläne und Entwürfe einer europäischen Staaten- und Rechtsordnung gab es in dieser Zeit der Kriege mehrere. In Tommaso Campanellas Utopie des ‚Sonnenstaats’ (1602) ist die christliche Friedensgemeinschaft übrigens spanisch-monarchisch ausgerichtet. Ich wusste nicht, dass er auch eine realistische Schrift vorgelegt hat, Titel: „Spanische Monarchie“, eine Vereinigung Europas unter spanischer Herrschaft.

H. Mann dachte an den Völkerbund.

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Ein Kommentar zu “Henri gegen die Christenheit?

  1. Guter Hinweis auf die Utopien. Die Utopie des Thomas More war schon Anfang 1500 erschienen. Dem Titelblatt von der Spanischen Monarchie nach zu urteilen, war Tommasios realpolitische Vorstellung nicht unbedingt frei von Macht und Gewalt. Man muß wohl Blochsche Tagträume mit unumstößlichen Prinzipien (Charta der Vereinten Nationen) verbinden und niemals die Hoffnung aufgeben.

    Die Henrischen Zitate sind Bestandteile einer ungeordneten Grübelei, eben Tagträume. Heinrich Mann sitzt im Hirn von Henri und schreibt mit, was da durchflickert wie ein Feuerwerk, mal zischelnd, mal mit Knall, aber alles nicht von Dauer.

    „Die (drei) Konfessionen sollten gleich gewichtet sein“ – das zeigt, dass es Henri nicht um die Bezwingung der Religion geht, sondern um die der Macht von Habsburg, Spanien, der Katholischen Liga, aber auch die der Sturen unter den Protestanten, die unter der Fahne der Religion ein prosperierendes Frankreich zu vereiteln drohen.

    Ein Plan Sullys und ein Plan Henris unterscheiden sich nach meinem Empfinden in ihrer Art: Sully zeichnet mit calvinistischer Strenge Regeln und Methoden auf, Henri läßt sich vom Impuls und allgemeiner Menschlichkeit – Schwächen inbegriffen – leiten. Sein Plan basiert zunächst auf seinem Charisma und dem der von ihn um sich gescharten Gleichgesinnten. So verstehe ich auch die „Verkehrung“. (Sully denkt, Henri lenkt).

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