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henri_feuerwerk

source: culture.fr

Als ich das Kapitel „Der Sieger“ zu lesen begann, dachte ich: nun endlich wird Heinrich Mann von den Ideen Henris zu Frankreich schreiben. Das tut er auch, aber so hier und da zwischendurch, beispielsweise gleich zu Beginn, als ein gewaltiges Feuerwerk die Kulisse für tiefes Grübeln beim frischen Sieger Henri liefert. Er ist vor gar nicht langer Zeit wieder einmal einem Attentat glücklich entronnen, hat sich mühsam Gegner um Gegner erkauft – das scheint ihm billiger, als Kriege zu führen, selbst, wenn er siegt. Aber was heißt da schon Sieg? Das Land ist verwüstet, die Jugend verwaist und verwahrlost, das Volk verroht, der Boden für Seuchen bereitet, die Staatskassen geplündert, die Söldner sitzen im Nacken, Emporkömmlinge wittern Weidegrund – von all diesem hat Heinrich Mann im Lauf des Romans zur Genüge berichtet.

Zuvor gab es einzeln Hinweise von Reformen, die ich mir jedesmal vornehme, gleich anzumerken, aber dann zieht mich doch der reichgewebte Roman voller Romanzen, Intrigen und Episoden weiter. So war irgendwann die Rede von Henri, der dafür sorgt, daß die haltlosen Jugendlichen als Lehrlinge in Arbeit und Training und Brot gelangen. Anderswo macht in einer Anekdote Henri dem Schmarotzertum ein Ende – ein weiteres Beispiel, wo Heinrich Mann seinem Helden christusähnliche Züge verleiht; zumindest wurde ich an Jesus erinnert, der die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel trieb, als Mann schildert, wie Henri den überfressenen Mann unter Schlägen und Geschimpfe im Kreise herumjagt.

Und wo steht doch nur, wie Henri davon träumt, die Zollschranken aufzuheben, die Wege auszubauen und den allgemeinen Güterverkehr und -Austausch zu fördern? Wo geht er gegen Folter und Todesurteile an, immer wieder? Wie will er listenreich die korrupten Obwalter von ihrem Laster abbringen? Nicht mit harter Strafe, wie Rosny verlangt, sondern mit Spott, Beschämung und sanftem Druck, vor allem, mit einem langen Atem. Jetzt geht es inzwischen um die Ordnung der Regionen in Frankreich, um die Aufteilung der Regierungsgewalt unter den Ständen. Soweit ich das herausgelesen habe herrscht unter Henri IV. weniger Struktur und Regel als Beziehung, die auf Loyalität und Tüchtigkeit gründet und dabei Herkunft, Religion und Stand nicht zwangsläufig berücksichtigt. Das Frankreich unter Henri scheint sich stark auf sein Charisma – und auf die Staatskasse – zu gründen. Auch wird bei verschiedenen Quellen auf die Wirksamkeit allegorischer Verherrlichungen seines Amtes und seiner Person als Schmied des französischen Königreichs hingewiesen.

Zu Ende des Abschnitts „Der Sieger“ beschreibt Heinrich Mann die zähe Verhandlung von Henri und dem päpstlichen Legaten. Der Legat ist gewissermaßen der Exponat des mächtigsten Feindes, den Henri im anfänglichen Grübeln mal, als Körper der Hydra aller Feinde, mit Christenheit betitelt, um daraufhin tief erschrocken zurückzurudern. Aber tatsächlich scheinen in diesen Seiten endgültig weltliche und kirchliche Macht auseinanderzubrechen, und paradoxerweise erscheint Henri bei Heinrich Mann als vollkommener Mensch, als vollkommener Statthalter christlicher Tugend, als Friedensfürst.

Die alte Kirche kann sich auch nach acht Hugenottenkriegen und dem wiederholt erzwungenen Übertritt des Hugenotten Henris zum Katholizismus nicht halten, wenn es derlei Ansichten zum Königtum vertritt. Hier das Urteil des Legaten zum Kollateralschaden, um es mal in heutiger Weise zu benennen, über den Henri sich grämt: [S. 462]

„Der Verfall ist zeitlich und stört die ewige Ordnung keineswegs. Was die Gefahr bringt, ist das öffentliche Mißtrauen. Hier bricht ein König, als ein fremdes Element, in die alte Gemeinschaft der universalen Monarchie. Das Universum traut ihn nicht. Frieden, er wird ihn weder halten können noch wird er ihm gewährt. Das Beispiel der Freiheit und selbstherrlichen Nation ist höchst verderblich. Des Beispiels muß man sich erwehren, oder um alle wäre es geschehen.“

Es geht noch reichlich gespentisch weiter, von dogmatischem Sprachduktus geht es über in versteckte Drohung und plumpe Bestechungsversuche. Aber der gute König Henri, obschon er viel hinhört und nachdenkt, hält sich offensichtlich an den Wahlspruch: nec laudibus, nec timore – nicht Lob, noch Furcht*. Er entscheidet am Ende im Edikt von Nantes, wer in den Regionen unter Hugenottenobrigkeit das Sagen hat. [S. 490]

„Einige, die begriffen hatten, erklärten einander: »Vier Edelleute gegen sechs vom dritten Stande. Bei den Protestanten fängt er an.« »Das ist die Herrschaft der Gemeinen.« »Wenn es nicht die Allmacht der Majestät ist.« „

* Kardinal von Galen trotzte mit diesem Motto der Nazidiktatur

Zitate, Seitenangabe nach S. Fischer Studienausgabe

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4 Kommentare zu “Träume vom Staatenlenken

  1. „christus-ähnliche Züge“, schreibt Schr. Genau dies ist Blattmanns These in seinem „Henri Quatre Salvator. Studien und Quellen zu Heinrich Manns ‚Henri Quatre’“ (1972). Danach sei „Erlösung das wahre Zentrum“ des Mannschen Denkens und Mann „in seinem tiefsten Wesen ein homo religiosus“ (1972,16). Die Utopie einer Einheit von Geist und Tat muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. Allerdings macht das Konzept Erlösung eine Wandlung durch. Der frühe Mann ist ästhetizistisch, der späte moralistisch. (Freue mich schon auf die Lektüre des frühen Mann! Werde ich den späten darin wiedererkennen?) Erlösung im Henri IV-Roman ist nach Michelet’s ‚église humaine’ konzipiert. In Michelets Revolutionsgeschichte (Histoire de France, 1855 ff) ist der Sozialismus die wahre Erscheinung Christi. Der (antiklerikale) Begriff der ‚èglise humaine’ meint so etwas wie Einheit von Volk/Tat und Geist/Vernunft, letzteres vertreten durch Henri IV oder Napoleon.

    Ein weiterer Traditionsstrang, auf den Mann zurückgreift, sind die sog. Henriaden (Agnes Becherer: Das Bild Heinrichs IV. in der französischen Versepik 1593-1613), populär-nationalepische Legendenbildungen, die nach dem Tod Henri IV aufkommen. Auch Voltaire schreibt eine ‚Henriade’, allerdings, wenn ich richtig verstehe, weniger legendenbildend als in aufklärerischer Absicht. Was die vielen Legenden betrifft, hat Mann in seinem Roman keine einzige ausgelassen. Blattman ist da sehr streng. Zuerst vermutete ich in ihm einen Heinrich Mann-Philologen, der päpstlicher als der Papst ist. Aber er zeigt die von Mann „ätzenden verschwiegenen Wahrheiten“ (115) und ‚Abgründe’ Henri IVs auf . Dazu später mehr.

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  2. Blattmann füllt drei Bände, in denen er die ‚église humaine’ bzw. den religiösen Humanismus als Leitmotiv des Romans durchexerziert. Das Material ist beeindruckend, aber zum Schluss weiß man nicht mehr, wer mehr auf dieses Motiv fixiert ist: Blattmann oder Mann. Wie um dieser Unsicherheit zuvorzukommen, stellt er an einer Stelle (43) klar, dass er nicht monoman sei: „Nicht ist monoman, wer dieses nie erloschene, wenn auch zuweilen verdeckte Feuer bei Mann sieht, sondern Mann selbst ist der melioristisch-manisch Besessene“. (Hier benützt er sogar den etwas unglücklichen, weil belasteten Ausdruck vom „fanatischen Glauben“.)

    Dass Blattmann das Leitmotiv so detailliert und extensiv herausarbeitet, heisst nicht, dass er sich – bei aller Sympathie – unkritisch mit ihm identifiziert. Das ‚Geist- und Tat’–Pathos macht wohl Manns Stärke und Schwäche zugleich aus. Es macht ihn hellsichtig gegenüber dem Rausch der Nazis, aber auch blind gegenüber dem Kult um Stalin. Ende der 40er Jahre ist Stalin für Mann der „Berufene“ (Zeitschrift Aufbau 1949, H.12), so wie es zuvor Henri war. Blattmann kurz und knapp: „Die Integrität des Intellektuellen Heinrich Mann bricht im Stalin-Hymnus zusammen.“ (92) (Interessant wäre hier der Aufsatz „Leiden und Größe Heinrich Manns“ von Jean Améry, dem Blattmann offenbar vorwirft, „diesen Zusammenbruch zu bagatellisieren“).

    Freilich: „Auf Manns Zusammenbruch verweisen, heißt nicht, des Autors Andenken herabzusetzen, sondern: die Wahrheit ehren, zu der sein vor dem Sturz in die Stalinmythe gelebtes Beispiel unablässig verpflichtet. Die Strenge seiner Maßstäbe wendet sich gegen ihn selbst (…)“ (Blattmann 93)

    Dies gilt auch – ohne damit Stalin und Henri IV gleichsetzen zu wollen – für Manns ‚Blindheit’ gegenüber jenen realhistorischen Fakten, die „Henris Rolle als Salvator schwächen und die Leuchtkraft seiner église humaine verdunkeln“ (122) könnten – hierin im Einklang mit der historischen Legendenbildung, deren Selektivität er übernimmt.

    Einige Hinweise:

    Die Milde und das Erbarmen Henris mit den Hungernden und Armen im belagerten Paris stellen sich anders dar, wenn man sie vor dem Hintergrund sieht, dass Henri keine andere Wahl hatte, „als seine unbesoldeten Soldaten durch den Handel über die Mauer einen Batzen Geld verdienen zu lassen“ (108)

    Ob Henri nicht zu Recht als Tyrann gelten konnte (116), wäre noch zu diskutieren. Die Idee des Tyrannenmordes ist jedenfalls keine jesuitische Erfindung, auf die sie Mann reduziert.

    Das Edikt von Nantes war weniger eine Gabe der Gewissensfreiheit als vielmehr ein von den Hugenotten erzwungenes Zugeständnis, das im übrigen einschneidende Benachteiligungen und gegenüber dem Edikt von Poitiers 1577 nicht allzu viel Neues enthielt (110,116).

    Das außenpolitische Spektrum, die Lage im Reich, bleibt unterbelichtet. „Der Escorial, noch immer die wichtigste Befehlszentrale der Welt, erscheint nur flüchtig: als Ort der Geschlechtskrankheit…. Spanien-Habsburg, (….) wird mythifiziert als die Welt des Bösen: die kulturellen Leistungen Spanien-Habsburgs fallen nicht ins Gewicht.“ (117)

    Wichtiger ist Manns Selektivität in ökonomischen Dingen. Die „Brutalität“ von Sullys „verschleiertem Finanzgebaren“ (117) bleibt im Roman undurchschaubar. „Der hohe Geldbedarf für den Spieltisch und die Betten des Königs wird von Mann ohnehin entschuldigt.“ (117) Die Aufrüstung Frankreichs zur stärksten Militärmacht Europas fordert ihren Preis, vor allem Steuererhöhungen. Aufs Ganze gesehen haben Ökonomie und Gesellschaft zwar bessere Bedingungen, doch werden „die Bauern noch immer genug gequält und ausgesogen“ (118). Nicht nur hat das „Elend“ dieses menu peuple im Roman kein Gesicht, auch die zahlreichen Bauernaufständen gegen die Adligen (118f) – Wetterleuchten der franz. Revolution! – kommen nicht vor oder werden nicht gewürdigt. Es würde an der angeblichen Volksnähe Henris kratzen. Denn Henris Reaktion auf diese canailles ist nicht schmeichelhaft.

    Ob Mann mit dem biblischen Diktum ‚Die Gemeinen werden erhöht, die Reichen erniedrigt’ der komplizierten Beziehung zwischen Fürst und Ständen gerecht wird, ist fraglich. Vielleicht sollten wir uns diese Beziehung mal näher anschauen.

    Doch ertappe ich mich jetzt dabei, Heinrich Mann nur noch als Historiker und nicht mehr als Schriftsteller zu sehen und beckmesserisch zu werden. Vielleicht ist es der notorisch hohe Ton dieses Geschichtsromans, der zum Exkurs in die Realgeschichte reizt. Das wäre aber schon nicht das geringste Verdienst dieses Romans.

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