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Ein Beitrag von R***

»Ein glücklicher Fund in den Katakomben der Staatsbibliothek: Ekkehard Blattmann, Die Bildvorlagen zum Henri Quatre-Roman! Ein Prachtband, ja ein Liebhaberband, der die handelnden Personen des Romans nicht nur illustriert, sondern wichtiger noch: die Bilderschicht, die dem Roman zugrunde liegt, offenlegt. Wir hatten schon den Hinweis auf das Bartholomäus-Bild von Dubois. Aber Mann hat zu fast allen Personen Bildvorlagen gehabt!

Akribisch weist Blattmann jedes Bilddetail nach, das Mann aufgenommen hat. So detailgenau Mann ist, so sehr symptomatisiert er auch das Detail, verfährt physiognomisch, d.h. deutet das Detail, bringt es zum Sprechen, fügt es in eine – teilweise phantasierte – Geschichte ein. Die Intimität, die Mann zu seinen historischen Figuren hat, erklärt sich nicht zuletzt durch diese Details.

Auch der Schilderung von Gabrielle d’Estrées liegen natürlich mehrere Bilder zugrunde. (Übrigens: Wusste Mann nicht, dass sie erst 17 war oder hat er sie bewusst auf 20 aufgerundet? Bei den Durants liest man sogar von Heinrichs Gonorrhöe). So die beiden Bade-Bilder. „Du wolltest es, Feuillemorte. Ich sollte durchaus deine Geliebte sehen, du hättest sie mir am liebsten im Bade gezeigt“ (Vollendung…). Selbst ein „Anflug von Doppelkinn“ in einem Bild von Quesnel wird von Mann aufgenommen. Oder: „Ihr Kleid war grün mit silbernem Besatz, desgleichen der Hut etc.“ (Vollendung) – ist eine Bildbeschreibung.

quesnel

Quelle: artnet

Mann als Physiognomiker heisst zugleich: als Moralist. Wie Blattmann schreibt, dienen einzelne Züge wie Gesicht, Stirn, Schläfen, Augen, Blick, Nase, Wangen usw. usw. als „moralische Indizes“ – oder wie bei den Nazis bzw. Ligisten als amoralische. (Allerdings muss man schon ein sehr sensibles moralisches Gespür haben, damit die „physiognomistische Entlarvungstechnik“ nicht in denunziatorische Klischees, ja Rassismus umkippt!)

In „Ein Zeitalter wird besichtigt“ bringt Mann selbst sein Verfahren auf den Punkt: „Ich habe gesehen und gestaltet, bevor ich den Sinn der Dinge begriff. …Wer die Geste von Menschen nachahmt, erlebt ihren Charakter […] Moralisten sind nicht so sehr Prediger wie Betrachter“.«

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Ein Kommentar zu “Mann als Physiognomiker heisst zugleich: als Moralist.

  1. Im letzten Jahr war Schwerpunkt der Jahrestagung von der Heinrich Mann Stiftung: Heinrich Mann und die bildende Kunst [http://heinrich-mann-gesellschaft.de/de/130/jahrestagung-2015.html] („Heinrich Mann nutzte oft Skizzen und Bildvorlagen zur Konzeption von Schauplätzen und Figuren, mitunter wirken seine Schilderungen von Landschaften und Charakteren wie Bildbeschreibungen.“, heißt es in der Einführung).

    Dass Mann vom Bild ausgeht, passt gut zu seinem sinnlichen Zugang zur Welt, der realen und der von ihm nachgeschaffenen im Roman.

    „damit die „physiognomistische Entlarvungstechnik“ nicht in denunziatorische Klischees, ja Rassismus umkippt!“ – wenn Heinrich Mann in der „Jugend“ über Katharina de Medici herfällt, oder den Prediger beschreibt, kommt es mir eher karikaturenhaft oder wie Figuen von der Kasperlbühne vor, und immer meine ich, dass er den eigentlichen Menschen hinter diesen Fratzen schont.

    Geschlechtskrankheiten und Minderjährigkeit – was das eine betrifft, schien nach Heinrich Mann ein Bewußtsein für Implikationen vorhanden. Im Falle von Kindern und Sexualität schildert er eine Welt, wo es am Schutz des Kindes auch dort mangelte. Man kokettierte mit kindlichen Gelüsten, wenn ich an die frühen Passagen des jungen Henri im Louvre zurückdenke.

    „Solomon Grundy,
    Born on a Monday,
    Christened on Tuesday,
    Married on Wednesday,
    Took ill on Thursday,
    Grew worse on Friday,
    Died on Saturday,
    Buried on Sunday,
    That was the end,
    Of Solomon Grundy.“ (Opie/ Nursery Rhymes)

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