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Grab König Heinrichs II. von Frankreich und seiner Frau Katharina von Medici / Basilique Saint-Denis / Marmor, Germain Pilon, 16. Jhdt.

Alles atmet Zerfall. Katharina, die Königsmutter, die über all die Zeiten machtvoll und allgegenwärtig die Zügel führte, offen und versteckt, schwindet dahin.

Ihr Gesicht war völlig erdfarben geworden, Erde vom Friedhof, und dorthin schien sie zurückkehren zu wollen, als sie abging, ungleich mit dem Stock aufklopfte, schlurrte, tappte, Zickzack machte, immer tiefer in sich selbst verfiel; der Kopf saß zuletzt nur noch in Höhe der Knie.

und später:

[…] Madame Catherine. Diese starb inzwischen wirklich — ohne fremdes Zutun, nur aus Erschütterung ihres zarten Wesens durch das Hinscheiden Guises, und weil niemand ihr glaubte, daß nicht sie dahinterstak, wo gemordet wurde. Beschuldigt werden dessen, was sie nicht mehr kann, ist hart für eine alte Mörderin. Ihr blieb nur übrig, die Erde zu verlassen.

Diese spöttische Stimme, dieser Zynismus. Es könnte Henri selbst sein im Strudel sinnloser Kämpfe und Morde, dessen Gedankengänge im Totentanz-Kapitel wie im Wahn weitertreibt: „Aufhängen!“ „Aufhängen!“ Die Stelle mit der Bosheit als Teil der Menschennatur ist tatsächlich rätselhaft, sehe ich aber eher als einen Ausdruck von Henris Erschöpfungszustand, der sich dann ja dann auch in einer Lungenentzündung manifestiert. „Totentanz geh weiter!“

Später, in ‚Zueinander streben‘ kommt die andere große Bewegung in den Vordergrund. Als es scheint, als habe die Großmacht Spanien das zerflederte und am Boden liegende Frankreich endlich in seine Fesseln geschlagen – es gibt eine großartige Sklaven-Episode (‚Der Ruf‘) – formiert sich ein Frankreich von freien Bürgern, die Haß und Brutalität hinter sich lassen wollen. Mornay fragte im Namen Henris von Navarra in seinem Aufruf, gerichtet an alle im Königreich:

Was ist wohl erreicht worden mit all den erbärmlichen Kriegen, den Gewalttaten, der Million Menschen, die um ihr Leben kamen, und mit so viel verschwendetem Gold, wie ein ganzes Bergwerk nicht hergibt? Er antwortete, ließ aber eigentlich seinen Leser antworten: Die Verarmung des Volkes ist erreicht worden. Daß der Staat todkrank im Fieber liegt. Unheil ohne Ende. Er fragte: Und wie wird es aussehen, wenn es so weitergeht? Er fragte zuerst den Adel und die Bürger, gab auch gleich die Antworten, die ihr eigener Vorteil ihnen vorschrieb. Dann erhob sich sein Ton, er sprach zum Volk, nannte es die Kornkammer des Königreiches, des Staates Fruchtfeld, seine Arbeit nährt die Fürsten, sein Schweiß stillt ihren Durst. Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen, Volk, wenn der Adel dich mit Füßen tritt?

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La Touraine, 1665
source: Promenade en France

Alles geschieht im Zeichen ungebrochener Macht des Königs. Es kommt endlich zum Zusammentreffen vom elenden und geisterhaft-ausgehöhlten König Henri III in seiner Zuflucht im Schloss Du Plessis, wo Loire und Cher zusammenfließen, mit Henri von Navarre.

Halbwegs werden beide getrennt durch einen Schub Menschen. Die beiden stehen, suchen einander in den Lücken der Menge, sie grüßen, sie strecken nacheinander die Arme aus. Sie sind blaß und tiefernst. Diesen Augenblick streben sie noch zueinander: im nächsten soll alles neu sein. Fried! Fried! — und endlich der feierliche Augenblick des Rechten und Guten.

«Platz! Der König!» riefen die Wachen, die Menge teilte sich, und da nun der König von Navarra hintrat vor Seine Majestät, verneigte er sich, und der König umarmte ihn.

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Zeitgenössisches Porträt Katharinas von Kleve, Herzogin von Guise
Musée Louis-Philippe in Eu

Frevel

Die Hoheitsmacht des Königs, von Verbündeten und Gegnern gleichermaßen geachtet, kann nur durch eine wahnwitzige Tat gebrochen werden. Es ist, bei Heinrich Mann, ein idiotischer Mönch (allgemein eher als fanatisch in die Geschichte engegangen), der – angestiftet durch die Schwester des ermordeten Henri Guise – Henri von Valois das Messer in den Bauch stößt. Katharina von Kleve, Herzogin von Guise, Diese „Furie der heiligen Liga“, erinnert mich in der Schilderung Heinrich Manns an Xenia Onatopp, eine fiese mörderische Wahnsinnige bei James Bond in „Golden Eye“. So wird also der letzte Valois gemeuchelt.

Die Schlacht von Arques

Jetzt ist er Henri IV, und muß noch immer Schlachten schlagen gegen die heilige Liga, mit seinem gebeutelten Heer. Ein unbekannter französischer Meister hat die Schlacht von Arques bei Dieppe gemalt, der Helmbusch des Königs prominent im Bild.

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Henri IV à la bataille d’Arques, 21 septembre 1589
© Château de Versailles

Das von R*** gewählte Zitat:

Sie waren fünfhundert, und treten auf, als wären sie es noch. Bei ihnen marschieren die Toten mit.

Es ist in den letzten Seiten von „Die Jugend des Königs Henri Quatre“, Psalm LXVIII. Der Ausklang des Buches erinnert mich an das Schlußoktett in Mozarts Don Giovanni: frisch und jubilierend, während der Halunke zur Hölle fährt.

Mehr Information zu Henri III und Bilder seiner Grabstätte bei Kl. Nerger, eine Seite, die gut zum Noivember und zum Toten´gedenken passt aber auch reichlich Zusatzinformation zur Geschichte der drei Henris liefert.

… und zu Ehren des Reformationstags (gestern) hier zum guten Schluß die Luther-Fassung des Psalms 68:

1 Ein Pſalm Lied Dauids.
vor zu ſingen.
Dieſer Pſalm redet durchaus von Chriſto / Darumb mus man wol drauff mercken / Denn er füret seltzame rede vnd wort nach dem buchſtaben.

2 ES ſtehe Gott auff / das ſeine Feinde zurſtrewet werden / Vnd die jn haſſen fur jm fliehen.

3 Vertreibe ſie wie der Rauch vertrieben wird / Wie das Wachs zurſchmeltzt vom fewr / So müſſen vmbkomen die Gottloſen fur Gott.

psalm68

Der Psalter Dauids, Leipzig 1605 Gesangweis
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

 

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