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Wenn Genie Vorwegnahme ist, Vorgesicht, die leidenschaftliche Gestaltung kommender Dinge, dann trägt dein Werk den Stempel des Genialen, und über seine Schönheitswagnisse hinaus ist es ein moralisches Phänomen. Ich sprach von einer Vereinfachung und Verjüngung des Geistes, – deine Kampfschriften gegen das schlechthin Infame, das jetzt seinen blutigen Schaum schlägt, diese Kampfschriften in ihrer Mischung aus literarischem  Glanz und einer – ich möchte fast sagen: märchenhaften Simplizität, einer menschheitlichen Volkstümlichkeit, sind das großartigste Beispiel dafür.

zitiert aus: Thomas Mann, Ansprache zu Heinrich Manns Siebzigstem Geburtstag (gehalten am 2. Mai 1941 / auf der Seite der Heinrich Mann Gesellschaft

Schröersche schreibt:

Die oft zitierte Beziehung zur NS Diktatur:

“Die Parallelisierung der volksfeindlichen Politik der katholischen Liga mit dem nationalsozialistischen Terror in Deutschland ist augenfällig. Guise, der Ligaführer, trägt die Züge Hitlers […]”, schreibt Roland Rall für Kindlers Literaturgeschichte, beispielsweise: ich hatte – mit meiner Lektüre nicht über ‘Margot’ hinausgekommen – bisher nicht den Eindruck.

Versucht Mann nicht viel eher, auch mit gründlicher Recherche, möglichst nahe an Personen und Zeit heranzukommen und zu verstehen, wie mit Henri zu der Zeit in den gegebenen Umständen ein Gegenentwurf gewagt wurde? Die Wahl, die man als Einzelner trifft, die Einflüsse auf Entscheidungen, wie sehr Schicksal und Hexerei noch allgegenwärtig Handeln und Sein des Menschen im 16. Jahrhundert bestimmen – soll das eine Kampfschrift gegen die aufziehende Naziherrschaft sein oder eine Suche nach dem eigenen Ideal zu allen Zeiten?

Katharina de Medici, Coligny, Margot, Henri – in Zeiten der Not

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Federzeichnung von Antoine Caron (Detail)
Louvre

Katherine de Medici als Handlanger der Katholiken, aber zunächst lancierend, abwägend auf eigene Faust – es geht ihr um ihr nacktes Leben: durchschaut ihr Sohn und König ihren Verrat? Sie hat ja die Executive an sich genommen, teils mit Hinterlist und vor allem mit roher Gewalt. Coligny als blinder Eiferer, der seine eigene Schuld in doktrinären Starrsinn in Gottes Namen ummünzt und Krieg und Vernichtung als heiligen Weg herbeiredet. Margot, mutig ihrem Gewissen folgen in den Grenzen ihres Begreifens über Implikationen und Wirkung, und auch ohngeacht dessen. […] Henri, in entscheidenden Momenten abgelenkt durch private Lüste, aber mit dem Talent ausgestattet, brenzlige Situationen zu entschärfen und Gewalt im Einzelnen abzuwenden. Tragisch, wie er unfähig ist, trotz Zeichen und Warnungen die bevorstehende monumentale Metzelei nicht kommen zu sehen.

Revolution und Reform

Die Revolution als Weltverbesserungswerkzeug ist noch ein anderes großes Thema. Ich weiß zu wenig über die KPD zur Weimarer Zeit und inwieweit sie hinter Stalins Terror stand, bzw den Stil für die Republik zu übernehmen gewillt war.

“Französische Revolution und Russische Revolution gehören (noch) zusammen. (Hatte ihn der Schock des Stalinismus noch nicht erreicht?)”

Dass Heinrich Mann 1932/33 den Aufruf zur Aktionseinheit von KPD und SPD gegen die Nationalsozialisten unterschrieb, wie es in der Zeittafel der Studienausgabe steht, liefert keine Antwort. Die SPD bediente sich in der Weimarer Zeit auch brutaler Freikorps. (Mein Vater war im Ruhrgebiet Augenzeuge von blutigen Waffengängen von Rot und Braun gleichermaßen.)

jeanne

Henri IV, enfant. Jeanne d’Albret, sa mère
Bibliothèque de Bordeaux

Den Abscheu vor Gewaltszenen beschreibt Mann bei Henri unmißverständlich, gemäß der Entwicklung, die er nimmt: die seiner Mutter begreift er als Heranwachsender noch nicht, aber schon bei Coligny bezieht er unmissverständlich Position. Henri ist bei Mann nicht unfehlbar, aber schon früh zeigt er die Richtung auf zu dem, was ich eher ein Streben nach Reform erachte, eingedenk eigener beschränkter Macht und Momenten von Ohnmacht, und nicht als Liebäugeln mit Revolution.

Meine Frage: was macht im Roman das Französische aus in Zeiten vor der französischen Revolution, das Heinrich Mann gefiel?

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