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Marguerite de Valois enfant Clouet, François / Peinture / Musée Condé

R*** schreibt:

[Zwischenüberschriften von der Redaktion]

Ja, H. Mann versucht, möglichst nahe an Personen und Zeit heranzukommen. Im Sinne der historischen oder in dem der poetisch-literarischen Wahrheit? Lässt sich wahrscheinlich nicht trennen, bleibt immer eine Unschärfe. (Sogar die Darstellungen von reinen Historikern sind notwendig unscharf, ‚tendenziös’.)

Karl IX und Henri von Navarre

Natürlich kann man sich trotzdem fragen, ob die Charaktere von Margot, Caterina de Medici, Coligny etc. ‚richtig’ getroffen sind. Wie authentisch ist zum Beispiel das heimliche Einverständnis zwischen Karl IX und Henri IV?

„sanft wie ein Lamm, versprach er [Henri] seinen Übertritt – und dies sogar nach geschehener Metzelei. Aber er dachte auch nicht daran, sein Wort zu halten, als er es Karl verpfändete und Karl wusste es wohl. Sie gaben einander ein kleines Zeichen mit den Augen“.

Henris Zeit und Heinrichs Zeit – Nationalsozialismus im Spiegel des Romans

Was die NS-Parallele betrifft, wird H. Mann erst in Kap. IV („Was ist das: Hass?“) deutlich, siehe dort die Goebbelschen Züge von Pfarrer Boucher. Andererseits mahnt doch schon die Bartholomäusnacht an die Nacht der langen Messer (sog. Röhm-Putsch 1934).

Hier, in „Das Ende“ läuft H. Mann zu seiner sprachlichen Höchstform auf. Das Morden in den Gassen der Stadt wird sarkastisch geschildert. Sarkasmus ist hier weniger ein Nicht-an-sich-herankommen-lassen-des-Grauens (das auch) als vielmehr ein Standhalten dem Grauen gegenüber. Lange vor Auschwitz beschreibt Mann das Morden als „höchste Emsigkeit“ und „pflichtbewusste“ „Arbeit“.

„Bei all ihrer Wildheit, die ganz wie eine befohlende Wildheit aussieht, bleiben sie ordentlich und arbeitsfroh.“

Der Haß

Henri IV macht sich ja gern lustig und lacht gern. Sarkasmus ist, wenn man trotzdem lacht.

„…denn am Haß würde man ersticken, könnte man nicht lachen. Henri erlernte in dieser Stunde, zu hassen, und es war ihm dienlich, dass er sich über das Verhasste lustig machte.“

Die Nazis wollten, dass einem das Lachen vergeht. (Deswegen muss Erich Mühsam im KZ stramm stehen).

Hass ist das spezifisch Neue, das, wie Mayer schreibt, sowohl von H. Mann als auch von Heinrich IV erst gelernt werden muss. „Der Hass“ (1933) und „Die Jugend des Henri IV“ (1935) gehören zusammen. H. Mann spricht in „Der Hass“ von „abtrünnigen Zivilisierten“, von verkrachten Literaten (Goebbels) – gute Ansätze für das Verständnis dieses spezifischen Hasses von Zivilisierten, die rückfällig werden. Außerdem heute wieder aktuell. Umschlag von Frust in Wut, würde man heute sagen. Hassprediger etc.

„Das Komische wird durch Grausen noch komischer“ (H. Mann).

Karnevalisierung im Grauen

Es gibt einen Aufsatz von U.Weymann: „Karnevalistisches Weltempfinden oder: der lachende Henri Quatre in H. Manns historischem Exilroman“ (2013). Der Aufsatz richtet sich gegen die These vom Henri Quatre Buch als illusionärem Selbstbetrug und Wunschdenken des Autors. Die „Überzeichnung des französischen Königs als großer Humanist“ wird hier nicht als etwas Unreflektiertes gesehen, sondern als bewusste „poetologische Strategie der Karnevalisierung“ (Weymann). Könnte man weiter verfolgen.

Revolution und französischer Geist

Zur Frage Revolution. Für H. Mann war wahrscheinlich „Geist“ der größte Revolutionär. Das mag idealistisch klingen (wie ganz gewiss im Ohr der KPs), lässt sich aber durchaus verstehen. Was den viel diskutierten Komplex ‚Geist und Macht’, Funktion der Intellektuellen usw. betrifft, finde ich die Debatte zwischen Thomas Mann (Betrachtungen eines Unpolitischen) und Heinrich Mann interessant. Da nennt doch Thomas Mann seinen Bruder tatsächlich einen „Zivilisationsliteraten“ und bekämpft den französischen, internationalen Geist.

Das hat dann die ‚seriöse’ ´Berliner Börsenzeitung 1933 übernommen, als sie dem aus der Preußischen Akademie der Künste ausgetretenen H.Mann nachrief: „Leute, die an den französisch gefärbten internationalen Geist glauben… gehören nicht hinein.“
Ich warte nur noch auf die Stunde, da Habermas als Vertreter der philosophischen Westorientierung (diesmal weniger Frankreich als England und USA) von der FAZ ‚verabschiedet’ wird!

Was macht im Roman das Französische aus in Zeiten vor der französischen Revolution, das Heinrich Mann gefiel? Die Frage müsste eigentlich Manfred Flügge beantworten können. Nach H. Mayer sah H. Mann den franz. Geist „im Einklang von Landschaft, Geschichte und Freude an der Sprache und am Sprechen“. Er erwähnt auch den portugiesischen Ursprung der Mutter.

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