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R*** schreibt:
Das wird noch ein Weilchen dauern, bis ich mich in die Konstellation dieses Romans – 16. Jahrhundert, Nazis, Exil – hineinfinde. Zunächst fällt es mir schwer, mich an den Sprachstil zu gewöhnen. Oder störe ich mich an dem, was man die blühende Phantasie des Autors in einem historischen Roman nennen könnte?

„…sagte er feurig und küsste Jeanne. Ihr fielen davon Tränen aus den Augen und in ihren halbentblößten Busen, den ihr kleiner Sohn liebkoste, als tröstete er sie.“

durant_vernunft

Francke (vergriffen)

Kitsch. Andererseits: Dem großen H. Mann kann und sollte man es durchgehen lassen.
Der junge Henri scheint ja wirklich ein Naturbursche gewesen zu sein. In meinem Durant: Kulturgeschichte (den ich zu diesem Zweck zum ersten Mal hervorgezogen habe) steht:

„Der Held saugte acht Ammen trocken“.

margarete_navarre

Marguerite de Navarre (dessin de Dumontier d’après le tableau de Clouet)

Im Durant kann man auch über Henris Großmutter nachlesen (ich glaube, H. Mann erwähnt sie nicht): Margarete, eine erstaunliche Persönlichkeit:

„Für einen Augenblick verschmolzen in Margarete Renaissance und Reformation. Alle freien Geister sahen zu ihr als ihrem Ideal und ihrer Schutzpatronin auf. Rabelais widmete ihr seinen Gargantua…“

Spannung zwischen Renaissance und Reformation – das ist vielleicht ein guter Einstieg.

***

Schröersche antwortet:

Aus der zitierten Stelle klingt tatsächlich Gründerzeitkitsch. Dazu passt auch ein mitunter jovialer Ton und drollige Bemerkungen (Zitate such ich später heraus). Insgesamt sehe ich sie aber im Kontext von Heinrich Manns ausgeprägtem Sinn für das Körperliche und für Sexualität. Die Episode zu Anfang am Wasser ist so eindringlich geschildert, dass ich eigene Empfindungen vermute, die Mann aus der Kindheit frisch hervorgeschöpft hat.

Daher forderte der kleine Knabe den größeren heraus, wer das Mädchen durch den Bach tragen könnte. Dieser war nicht tief, aber er enthielt Strudel und glatte Steine, die fortrollten, wenn man sie ungeschickt betrat. Der Mitbewerber glitt denn auch sofort aus, das Mädchen wäre mit hingefallen, hätte nicht Henri sie aufgefangen. Er kannte in diesem Wasser jeden Schritt, er trug sie hinüber mit all seiner Kraft, denn sie war schwerer als er, der nur ein kleiner, magerer Knabe war. Drüben küßte er sie auf den Mund, überrascht ließ sie es geschehen, und er sagte, indes er sich in die Brust warf: «Jetzt bist du durch den Bach getragen vom Prinzen von Bearn.» Das Bauernmädchen sah in sein kleines, leidenschaftliches Gesicht, und dann lachte es, der Ton tat ihm weh bis ins Herz, entmutigte ihn aber nicht. Sie sprang schon ihrem verunglückten Verehrer entgegen, da rief Henri noch: «Aut vincere aut mori!» Es war einer der Sprüche, die sein Erzieher ihn lehrte; er hatte viel davon erhofft. Wieder eine Enttäuschung, die kleinen Bauern machten sich nichts weder aus dem Prinzen noch aus seinem Latein. Siegen und Sterben war ihnen beides gleich unbekannt. So blieb nur noch eins übrig. Er stieg zurück in den Bach und stürzte absichtlich noch etwas tölpelhafter als vorhin der andere. Auch das alberne Gesicht und das Hinken ahmte er dem Tölpel nach, fluchte dabei mit einer ganz ähnlichen Stimme, alles so vorzüglich, daß sie lachen mußten über den Spaßmacher. Sogar das reizende Mädchen hatte er zu lachen gezwungen! Darauf ging er schnell fort. Er war nur ein vierjähriger Knabe, hatte aber schon Sinn für Wirkung.

Die Ammen-Anekdote ist herrlich.

Renaissance und Reformation – ja, daraufhin schau ich es mir noch mal an.

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